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DIE WIESBADENER AUSSTELLUNG ZUR HEBUNG DER GRABMALKUNST
gedenk bleiben, so wäre es wohl lockend, den
einheitlichen Sinn aller gezeigten Werke auch
aus den verschiedensten Einzelmotiven nachzuweisen
und darauf eine umfassendere Kennzeichnung
moderner Grabmalkunst aufzubauen.
In welchem Maße Adolf Hildebrand der
feinen Kunst Herr ist, im schlichten Werke
die tiefste Wirkung zu bannen, das braucht
in dieser Zeitschrift weder der Bestätigung
noch neuen Rühmens. Außer zahlreichen
bekannten und veröffentlichten Werken Hildebrands
— darunter der prächtigen Erinnerungstafel
für die Kaiserin Friedrich — erscheinen
in großen Nachbildungen, weiteren Kreisen
noch unbekannt, seine Grabmäler für den
Fürsten Hohenlohe-Oehringen und für Hermann
Levy. Hohenlohes Ruhestätte schmückt
die Kolossalfigur eines harfenspielenden Engels.
Der Eindruck des Werkes beruht auf der
Zusammenstimmung der wundervoll weichen
Modellierung der Gestalt, namentlich des
Kopfes, mit den solch zarter Behandlung eigentlich
widerstrebenden fast übermächtigen Dimensionen
. Der lautespielende Engel von
Levys Grab will in der friedsamen Abendstimmung
des Reliefs, dem er eingefügt ist,
fast vom Geiste einer Hans Thoma- Schöpfung
erfüllt erscheinen (Abb. S. 185). Im üblichen
mittleren Format gehalten wirkt das, man
darf wirklich sagen, ganz deutsch empfundene
Werk in gedrungener ruhiger Geschlossenheit.
Ein Epitaphion für den liebenswürdigen Kunstfreund
Konrad Fiedler erzählt in der vielgestaltigen
Umrahmung des lebendig modellierten
Reliefporträts von der Liebe des Verstorbenen
zum italienischen Land.
Prof. Hermann Hahns zahlreiche Entwürfe
sind allesamt auf jenen großen ernsten Ton
gestimmt, der aus all seinen monumentalen
Werken herausklingt. Von machtvoller Kraft
einer im eigentlichen Sinne dekorativen Wirkung
sind namentlich die zwei Kolossalfiguren
Zeugnis, die ein großes Friedhofportal zieren
sollen(Abb.S. 192). Als „Morgen" und „Abend"
hat sie der Künstler bezeichnet. Nicht nur in
dieser äußeren Anlehnung, auch in der Art, wie
er das feine Motiv traumumfangenen Erwachens
in der Figur des Morgens trotz der mächtigen
Formbehandlung in seiner natürlichen Sub-
tilität erfaßt und ausgeführt hat, wird Michelangelos
Heroenname als Vorbild lebendig.
An eindrucksvoller Kraft stehen sich zwei
ganz verschiedene andere Schöpfungen Hahns
nahe. Ein Grabmal läßt die Formen eines
altrömischen Altars mit der primitivistischen
Modellierung eines der vorderen Fläche eingefügten
Medaillonporträts im Stile früher
Renaissanceplastik zusammenklingen. Dagegen
baut sich die Wirkung einer prachtvollen
Schrifttafel ganz auf den Eindruck der alten
Lapidarbuchstaben auf, die in ihrer monumental
dekorativen Bedeutung so wunderbar,
den Brauch unserer Zeit beschämend, zur Geltung
gelangen.
Georg Schreyöggs großes Grabrelief
„Abschied" bestimmt in Wiesbaden durch
seine bevorzugte Aufstellung geradezu den
Eindruck des Hauptsaales, und der Beschauer
kommt hier zu einer viel tieferen Erkenntnis
des Wertes dieser großen Leistung als im
Münchener Glaspalast.
An Flossmanns Doppelporträt seiner Eltern,
die so lebendig aus der einfachen Nischenumrahmung
des Sockels herausschauen, erfreut
, wie ausgezeichnet das Streben nach
möglichst anspruchsloser Einfachheit geglückt
ist (Abb. S. 191). Für Rudolf Bosselts Art
ist allmählich die gemeinsame Tätigkeit mit
Peter Behrens an der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule
stilbestimmend geworden. Die
beiden kranzhaltenden Bronzefiguren vom
Grabmal Clouth auf dem Friedhof Melaten in
Köln (Abb. S. 190) sind ganz von Behrens'
strenger Formgestaltung beherrscht. — Den
feinen geistigen Gehalt antiker Stelenreliefs
umschließen die schönen Arbeiten von Ludwig
Habich und Hermann Lang. Heinrich
Wadere erweist in seinem Denkmal für einen
Arzt, der einem Knaben den Heiltrank reichend
gebildet ist, seine geschickte Fertigkeit
anmutigster Schilderung, ohne der bei solchen
Stoffen nahen Gefahr süßlicher Darstellung
zu erliegen.
Die auf Hervorhebung des Wichtigsten bedachte
Ueberschau über die Architekturabteilung
hat die erfreuliche Pflicht, vor allem
die in dieser Zeitschrift gebührend gewürdigten
wundervollen Münchener Friedhofbauten von
Baurat Grassel hervorzuheben. Im Rahmen
der Ausstellung, die so viel Gelegenheiten
zu Vergleichen bietet, kommt die Bedeutung
dieser großen Schöpfungen gerade durch solche
Vergleiche zu ihrem vollen Recht. Adolf
Hildebrand, der uns auch in dieser Gruppe
mit zahlreichen Entwürfen begegnet, hat im
Aufbau seiner meist für Florenz geschaffenen
Grabmäler das alte Sarkophagmotiv gewählt,
das er durch geschmackvolle Kompilationen
von Einzelheiten aus allen Stilzeiten geschickt
zu variieren weiß. In der Anlage des Privatfriedhofs
der Familie des Physikers Helm-
holtz erreicht er die feierlich friedliche Stimmung
seines Werkes durch die Einordnung
ganz schlicht gehaltener Formen in die blühende
Pracht des umgebenden Parks (Abb. S. 187).
Eine seltene Ausgeglichenheit des Aufbaus
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