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FORTSCHRITTLICHES UNTERRICHTS WESEN IN ÖSTERREICH
mithin nicht bloß den Zweck verfolgen
, eine gewisse „Fertigkeit"
zu erringen, vielmehr muß er ein
folgerichtiges Erfassen des Darzustellenden
durch bewußtes Sehen
als Hauptaufgabe in sich tragen,
all der Oberflächlichkeit aber entgegenarbeiten
, die, mit Reizmittelchen
der Darstellungsweise ausgestattet
, allmählich dem Verständnisse
für wirklich künstlerische
Arbeit den Weg sperrt, die allgemeine
Meinung irreführt, die Würdigung
ernsten, sachlichen Wollens
auch in den Kreisen der „Gebildeten
" zurückschraubt, das Rezept
aber zu Ansehen bringt.
In Oesterreich hat das gewerbliche
Unterrichtswesen seit den
Zeiten, wo dessen Wichtigkeit wieder
erkannt wurde, eine Höhe achtunggebietendster
Art eingenommen
. Man darf, laufen auch die
Anschauungen unserer Zeit, soweit
die Formensprache in Betracht
kommt, nicht mehr in den gleichen
Bahnen wie vor dreißig Jahren,
auch heute nicht vergessen, was
alles, um nur einen Namen zu
nennen, mit Eitelberger im Zusammenhang
stand. Ist auch nach
den Tagen der Tätigkeit dieses
Mannes und seiner im Dienste
des Kaiserstaates arbeitenden zahlreichen
künstlerischen Zeitgenossen
— Semper gehörte dazu -
eine Periode weniger raschen Fortschreitens
eingetreten, so wurde
dennoch gerade auf dem Gebiete
der gewerblichen Schulung immerfort
gearbeitet. Unsere Zeit sieht
Oesterreich wiederum in der aller-
vordersten Reihe jener Staaten, in
denen die energische Abschütte-
lung antiquierter Lehranschauungen
auf künstlerisch-gewerblichem
Gebiete zur Tatsache geworden
ist, während in nachbarlichen
Ländern jenes ursprünglich
auf den Donau-Kaiserstaat gemünzte
„Nur immer langsam
voran" sich hohen Ansehens erfreut
. Die Schule des k. k. österreichischen
Museums für Kunst
und Industrie in Wien hat unter
der Führung ernsthafter Lehrer im
modernen Sinne heute einen Rang
inne, der ihr von keinem deutschen
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gestickter
klingelzug
Institute gleichen Zweckes streitig
gemacht werden kann. Die in verschiedenen
Städten der Monarchie
alljährlich stattfindenden Ferienkurse
tragen den Keim gesunder
Anschauung über die Aufgaben
der angewandten Kunst in alle
Teile des Staates hinaus; die Wanderausstellungen
aber, welche zur
Sommerszeit in kleineren Industriezentren
der Provinz regelmäßig
stattfinden, bieten, da sie von
tüchtigen Fachleuten mit Rücksicht
auf lokale Erfordernisse zusammengestellt
und durch kurze,
sachdienliche Vorträge erläutert
werden, eine Menge von Anregung.
Warum diese vorzügliche Institution
nicht auch anderswo ihre Beachtung
findet, ist unverständlich.
In Oesterreich endlich, um nur
noch ein schwerwiegendes Faktum
zu nennen, ist zuerst wieder der
Pflege der ornamentalen Schrift als
Unterrichtsfach das richtige Verständnis
entgegengebracht worden.
R. v. Larisch gebührt die Ehre,
bahnbrechend gewirkt zu haben
auf einem Gebiete, das anderwärts
noch völlig unbeachtet ist, weil
das Verständnis für die künstlerische
Ausbildung der Schrift überhaupt
noch sehr im argen liegt, ja
für manche Leute, sogar für Anstaltsdirektoren
, etwas völlig Unbekanntes
ist, ebenso wie die Forderung
, daß die Wirkung der Schrift
im Verhältnis zur Fläche schon
bei den einfachen Schülerzeichnungen
eine künstlerische Aufgabe
bilde.
All diesen bereits bestehenden
Einrichtungen tritt nun eine vom
k. k. Oesterreichischen Ministerium
für Kultus und Unterricht getroffene
Anordnung über die Erteilung
des Zeichen- und Modellierunterrichtes
und des Unterrichtes in der
Kunstformenlehre an staatlichen
Fachschulen und den übrigen in
Betracht kommenden Anstalten zur
Seite, die, was Gründlichkeit in
der Gliederung des Stoffes, Klarheit
der sachlichen Auseinandersetzungen
und Zweckmäßigkeit des
Lehrprogrammes betrifft, eine
Musterleistung in des Wortes
bester Bedeutung genannt werden
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