http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_14_1906/0214
FORTSCHRITTLICHES UNTERRICHTS WESEN IN ÖSTERREICH
muß. Aus allen zur Erörterung gebrachten
Punkten spricht Verständnis für das, was
wirklich not tut in der künstlerisch gewerblichen
Erziehung, das erste und das letzte
Wort. Ferne von allem unkünstlerischen
Doktrinarismus, der ja sonst bei Erlassen vom
grünen Tisch her sich immer als Begleiterscheinung
einzustellen pflegt, ist dieser mit
Beginn des Schuljahres 1905/1906 überall in
Kraft tretende Erlaß so gehalten, daß er, wie
die Einleitung besagt, keineswegs „einen festgegliederten
Lehrplan darstellt, der in
allen seinen Teilen und innerhalb derselben
im vollen Umfange gleichmäßig für jede
Schule in Anwendung zu bringen ist". Also
vor allem keine Schablone! „Jede Anstalt
wird aus diesem Wegweiser nur dasjenige
auszuwählen und zu pflegen haben, was für
ihre besonderen Zwecke und zur Erreichung
ihrer konkreten Lehraufgabe als notwendig
und durch die Verhältnisse geboten erscheint.
In diesem Sinne wird z. B. an den Fachschulen
für Dekorationsmaler, Bildhauer, Holzschnitzer
, Kunstschlosser, Graveure, Kunst-
sticker besonderes Gewicht auf das dekorative
Zeichnen, bezw. auf das Modellieren zu
legen sein, während an den Fachschulen für
Tischlerei und Drechslerei in erster Linie
die technisch-konstruktive Seite zu pflegen
ist. An den erstgenannten Bildungsstätten
hat jedoch gleichzeitig das technische, an
den letzterwähnten aber das ästhetische Moment
jene Berücksichtigung zu finden, die
zu einer harmonischen Ausbildung der Schüler
unerläßlich erscheint." Weiter: „Bei Formulierung
des Stundenschemas ist vor allem
andern im Auge zu behalten, daß nebst dem
in erster Linie zu betonenden Lehrwerkstätten-
und Atelierunterricht die technisch-kon-
struktiven Lehrfächer die weitgehendste
Berücksichtigung zu finden haben, und daß
die dem dekorativen Zeichnen zuzuweisenden
Lehrstunden jenes Ausmaß
nicht überschreiten, welches durch
die Anforderungen der einzelnen zu
pflegenden Gewerbe und durch den
Endzweck der Ausbildung der Schüler
zu bestimmten Berufsstellungen bedingt
ist." Also ein gesundes Zurückschrauben
des Nichtfachlichen, mit dem leider
an vielen Anstalten der Schüler auf Kosten
seiner eigentlichen Studien belastet wird.
Der kunstgewerbliche Unterricht soll und
darf keine Vorstufe für Malerakademien sein,
sondern er soll brauchbare Menschen heranbilden
.
Den „allgemeinen Weisungen" ist eine genaue
Gruppierung der Lehrfächer zugrunde
gelegt, den einzelnen Abteilungen kein die
klare Uebersicht beeinflussender Kommentar
angefügt. Einen solchen enthalten die parallel
dazu veröffentlichten „Erläuterungen", welche
dem allgemeinen Unterrichtsprogramm Punkt
für Punkt sich anschmiegen und für jeden
Unterrichtsgegenstand das Lehrziel fixieren.
In letzterem wird nun der prinzipielle Gegensatz
klargestellt, der zwischen dem früheren
Unterrichtsmodus (Kopieren) und dem neu
zu schaffenden (selbständige Lösung technischkonstruktiver
Richtung; Studium nach Naturformen
und nach materialecht ausgeführten
Gegenständen, also nicht nach Abgüssen;
produktives Zeichnen und Modellieren: Komponieren
, Konstruieren) besteht. Vor allem
wird der Ausbildung des Vorstellungsvermögens
die weitgehendste Berücksichtigung
zuteil, ist doch gerade diese Fähigkeit
erfahrungsgemäß die am wenigsten ausgebildete
, ebenso wie die an den weitaus meisten
Schulen am stärksten vernachlässigte. Wenn
diese Vernachlässigung der Vorstellungskraft
an den Mittelschulen als etwas beinahe „Programmgemäßes
" schon ihre bösen Folgen
überall geltend macht und pedantisch veranlagten
Naturen weitaus mehr Vorschub leistet
als wirklich Begabten, so ist sie erst recht
verwerflich da, wo es sich ""um wirkliches
„Schaffen", um „formales Bilden zu bestimmtem
Zwecke", um ein bewußtes Zusammenfügen
von Einzelteilen zum innerlich
wie äußerlich vollendeten Ganzen handelt.
Mit wieviel Hochmut sehen nicht oft Leute,
die den Stoff für ihre „Kompositionen" aus
allen möglichen Quellen zusammensuchen
müssen, auf den maschinenbauenden Ingenieur
herab, ohne zu bedenken, daß zu diesem
Fach ungleich viel mehr Vorstellungskraft
gehört, als man braucht, um Durchschnittsbilder
für Ausstellungen zu malen, Häuser
oder andere Gebäude nach bewährten Rezepten
zu bauen und dergleichen mehr.
Bildung der Anschauung und daraus
resultierendes Selbstauffinden der charakteristischen
Merkmale wird also eine dergrund-
legenden Aufgaben der Zukunft bei allen Schulprogrammen
bilden müssen, wo auf die Heranziehung
sachlich richtig denkender Menschen
mehr Gewicht gelegt wird als auf das „Einochsen
" großer Wissensquantitäten, das man
ruhig den „gelehrten" Schulen als berechtigte
Eigentümlichkeit belassen mag. Gleichzeitige
Entwicklung des Farbensinnes und
Bildung des Geschmackes sollen damit Hand
in Hand gehen. Alles das bildet zusammengenommen
den vornehmsten Zweck des Naturstudiums
. Dabei ist gleich hervorgehoben, daß
204
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_14_1906/0214