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FORTSCHRITTLICHES UNTERRICHTS WESEN IN ÖSTERREICH
Holzbearbeitungsschulen vorzugsweise Gegenstände
einschlägiger Art, bei Metall-, Keramischen
-, Glasindustrie- oder Steinbearbeitungsschulen
möglichst rasch das Verständnis
für Sachlichkeit der Erscheinung geweckt
wird. Wert wird auf die richtige Form,
nicht auf die m a 1 e r i s ch - d e k or a t i v e Erscheinung
in erster Linie gelegt. Dem Studium
des Leblosen reiht sich das der Pflanze,
des Tieres und des menschlichen Körpers
an, wobei folgerichtig von einfachen Erscheinungen
zu komplizierteren fortgeschritten,
von der ruhenden Erscheinung allmählich zur
bewegten übergegangen wird. Die Vornahme
von Korrekturen ist dabei zu vermeiden, das
Primazeichnen also hauptsächlich ins Auge zu
fassen. Den Auffassungs- und Bewegungsstudien
folgen Vergleiche zwischen der bekleideten
und unbekleideten Figur, sowie Detailstudien
(Kopf, Draperie, letztere nach dem
bewegten Modell). Daran schließt sich das
„angewandte dekorative Zeichnen", beginnend
mit der Aufnahme einfacher Fachgegenstände,
fortschreitend unter steter Steigerung der
Schwierigkeiten in der Wiederholung des Gesehenen
, so daß der Schüler allmählich zur
Herstellung eigentlicher Werkzeichnungen -
immer nach Einsichtnahme vorhandener Gegenstände
— und schließlich zum selbständigen
Entwerfen gelangt, wobei der Entwurf einfacher
Gegenstände des praktischen Lebens
ausschlaggebend sein soll. Die Gliederung
gerade dieses Abschnittes ist vortrefflich.
Als dritter Abschnitt des Lehrpensums
figuriert das Modellieren, wo auch wieder die
Pflege des bewußten Sehens an Naturformen
die Basis zu bilden hat, Uebungen im Gedächtnismodellieren
mit hauptsächlicher Betonung
der Gesamtform, nachherige Anfügung
der charakteristischen Details sich anschließen
in engster Verbindung mit zeichnerischen
Uebungen. Gipsmodelle sollen gänzlich vermieden
, die Kenntnis des Ausführungsmaterials
(Stein, Holz, Metall) praktisch großgezogen
werden. Den Abschluß bilden Versuche in der
polychromen Behandlung plastischer Arbeiten.
Baut sich so der ganze Unterricht auf einer,
das Wesen der Dinge (im Gegensatz zu
Unterrichtsmethoden, wo der Formenkram zur
Basis gemacht wird) immer als Hauptsache
betonenden Weise auf, werden die Schüler
überall auf die Notwendigkeit richtigen sachlichen
Erkennens (im Gegensatz zur Papierkunst
) hingewiesen und so zu selbständigen
Menschen erzogen, so wird anderseits auch
der Kenntnis älteren Kunstschaffens die nötige
Würdigung zuteil durch den vierten Abschnitt
des Lehrprogrammes, die Kunstformenlehre.
Nirgends jedoch wird diese zum Ausgangspunkte
erhoben, wie das in vollster Verkennung
der erzieherischen Erfordernisse
noch an sehr vielen Schulen der Fall ist.
Es heißt u. a. in den „Erläuterungen": „Bei
der Lehre von den Säulen - Ordnungen sind
nur die Maßverhältnisse der Hauptpartien
zu erklären; das A u s w e n d i g 1 e r n e n von
Zahlen (was an Architektur- und Baugewerkschulen
noch immer als etwas sehr Wichtiges
gilt) hat zu entfallen. — Die praktische
Erkenntnis dessen, worauf es beim
Schaffen für die angewandte Kunst ankommt,
soll dem Lernenden die Augen öffnen über
das Wesen früherer Kulturperioden und ihrer
Formensprache. Es handelt sich nicht darum,
den Schüler wie bisher mit Stilformenkenntnissen
vollzupfropfen, er soll nicht zum Nachahmer
ausgegohrener Ideen herangebildet,
sondern auf die Wege geleitet werden, welche
ihm etwas ganz anderes erschließen, als die
Liebhaberei an Altertümelei, das Verständnis
nämlich für Entwicklung der Folgerichtigkeit
in der Arbeit, das der künstlerischen Erziehung
so sehr abhanden gekommen ist, dank
der allezeit viel zu sehr auf Kosten praktischer
Betätigung aufgebauten, oft von völlig
unbefähigten Ehrenmännern geleiteten „Organisationen
". Wenn dieses fatale Schlagwort
einmal nicht mehr ausschlaggebend sein
wird, dann bekommen vielleicht wieder gesunde
Anschauungen Oberwasser. Ein Anhang
endlich gibt Direktiven über das „Beschreiben
der Zeichnungen und Modellierarbeiten, d. h.
über das räumliche Verhältnis und die Wirkung
zwischen erläuterndem Texte und Darstellung
, über die stete Benützung von Skizzenbüchern
, die unter keinen Umständen Kopien
nach Vorlagen enthalten sollen, und über Klausurarbeiten
, die innerhalb bestimmter Zeitabschnitte
regelmäßig vorzunehmen sind und sich
bis zur Zeitdauer von zwei Tagen erstrecken.
Leider gestattet der Raum hier kein detailliertes
Eingehen auf Einzelheiten, die
ebenso wie die Anlage der ganzen Studienregelung
offenbaren, wie klar man in Wien
die Notwendigkeit einer vollständigen Neugestaltung
des künstlerischen Unterrichts unter
steter Anpassung an die Praxis eingesehen
hat. So allein werden brauchbare
Arbeitskräfte herangebildet, dem ohnehin unheimlich
großen Künstlerproletariat mithin
keine Mehrung zugeführt, wie es seitens all
jener Anstalten geschieht, die nie die Frage
erörtert sehen: Braucht die Welt all das
Menschenmaterial, was wir Jahr für Jahr verantwortungslos
dem Existenzkampf entgegenführen
? — In dem neuen Lehrprogramm
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