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^3^> ZU UNSEREN ABBILDUNGEN <^*~
RICHARD KUOHL « KERAMISCHE ARBEITEN « AUSGEFÜHRT VON DR. JULIUS BIDTEL, MEISZEN
doch imstande ist, mit der Entwicklung des
modernen Kunstgewerbes Schritt zu halten.
Dies freilich nur dann, wenn sie es aufgibt,
formalen Problemen nachzujagen, bevor sie
sich in den unumschränkten Besitz der Technik
gesetzt hat.
Für den Weg, den die Keramik auf deutschem
Boden im letzten Lustrum genommen,
ist es bezeichnend, daß neben den großen
Staatsmanufakturen viele kleinere Betriebe,
ja einzelne Künstler auf eigne Faust Versuche
anstellten, — Versuche, denen auf
diesen Blättern stets sorgfältige Beachtung
geschenkt worden ist. Am erfolgreichsten war
man in farbigen Erfindungen, während die
Form, besonders in der Neubildung von Gefäßen
, häufig genug zu Verirrungen führte.
Heute erfreut sich das einfache Steinzeug,
mit geflammter und geflossener Glasur, wohl
der einmütigsten Anerkennung, während sich
das Porzellan noch mit technischen und künstlerischen
Problemen der mannigfachsten Art
herumzuschlagen hat.
Unter den Arbeiten des jungen Meißners
Richard Kuöhl zeigt das große Relief der
beiden Bären, daß es dem Künstler nicht an
Verständnis für das Wesen architektonischer
Keramik fehlt. Der Eisbär ist in seiner charakteristischen
Silhouette klar erfaßt, den
Kopf des hintern Bären und den unruhigen
Hintergrund muß man als weniger geglückt
bezeichnen. Auch die kleinen Tierfiguren
verraten entschiedenes Talent. In der Heizkörperverkleidung
spielt die Erinnerung an
den Kachelofen ein wenig störend mit hinein.
Recht harmonisch im Aufbau präsentiert sich
der weiße Fliesenofen mit Bank, während der
ornamental ganz anmutige Palmenständer nicht
mit unbedingter Notwendigkeit auf ein bestimmtes
Material der Ausführung hinweist.
Um die Ausführung der keramischen Arbeiten
hat sich die neuerdings mehrfach durch interessante
Versuche bekannte Fabrik von
Dr.Julius Bidtel in Meißen verdientgemacht.
H.
*
Kölner Kunstgewerbe. Auf dem Gebiete
der angewandten Künste tritt in Köln
ein Vorwärtskommen zum guten Neuen verhältnismäßig
langsam in Erscheinung. Aber
man sieht doch seit einigen Jahren moderne
Architekten, wie Brantzky, Paffendorf, R.
Maus u. a., mit voller Kraft und in erfreulichem
Umfange schaffen; und endlich regt
sich's auch im Kunstgewerbe. Der Import
aus der Fremde und das infame Industrieprodukt
sind nicht mehr alleinherrschend,
sondern eigene und durchaus neuzeitliche Anschauungen
und Bestrebungen gelangen mählich
zum Durchbruch. Der Widerstand freilich
, den das große Publikum ihnen entgegensetzt
, ist noch immer enorm; freudig ist
darum jede Kraft als Kulturpionier zu begrüßen
, die schaffend widerspricht.
Man hat nun auch hier richtig erkannt,
daß die Frau für kunstgewerbliche Arbeiten
eine natürliche Begabung besitzt; daß der,
vornehmlich durch die intensive Beschäftigung
mit Fragen der Mode gezüchtete, weibliche
Geschmack seine Trägerinnen sehr wohl geeignet
macht zu kunstgewerblicher Produktion
in den verschiedensten Gattungen; und daß
hier der Frau weite Gebiete edelster Berufstätigkeit
offen stehen: für Zeichnen und Entwerfen
von Mustern für Weberei, Stickerei,
Tapeten, für Keramik, Buchschmuck u. dergl.
In dieser Erkenntnis hat der „Kölner Verein
weiblicher Angestellter" eine kunstgewerbliche
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