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NEUE BUCHEINBÄNDE VON PAUL KERSTEN-BERLIN
enn das Wort >In der Beschränkung zeigt sich
erst der Meister« auch nicht für die Kunstbuchbinderei
geprägt worden ist, so gibt es doch
treffend ein Bild von den begrenzten technischen
Mitteln und den unbegrenzten künstlerischen Möglichkeiten
bei der Handvergoldung. Was für schöne
Schmuckformen der kunstsinnige Handvergolder mit
wenigen Stempeln, Bogen, Liniensätzen oder Fileten
zusammenstellen kann, zeigen wieder die neuen
Arbeiten von Paul Kersten. Dieser ausgezeichnete
Techniker, der durch rastlosen Fleiß und ständige
Uebung auch sein eigener Entwerfer werden
konnte, hat seinen Geschmack an guten Vorbildern allmählich
zu selbständigem künstlerischen Empfinden
gebildet. Auf der internationalen Buchbindekunst-
Ausstellung in Frankfurt a. M.c (15. März — 16. April)
ist er mit ungefähr 40 neuen Einbänden vertreten,
die technisch als Meisterleistungen bezeichnet werden
müssen, und die auch Kerstens künstlerische Höherentwicklung
zeigen. Seine früheren selbst gezeichneten
Stempel befriedigten ornamental oft nicht
recht; bei den neuen Arbeiten aber, wo er auf einfachere
Formen wie Blätter, Blüten, Sterne, Herzen,
Quadrate zurückgeht, die er ebenfalls nach eigenen
Zeichnungen schneiden ließ, fällt jeglicher Einwand
gegen die Einzelform fast durchgehend fort. Von
den neuen Arbeiten können wir zwölf Einbände
bildlich wiedergeben, die alle erkennen lassen, daß
Kersten der handvergoldete Schmuck nicht Selbstzweck
ist. Ueberall hat er auch das Leder als
Schmuckmaterial an sich behandelt. Mit Vorliebe
verwendet er Ecrase, das in verschiedenen Farben
(rot, blau, grün, violett, braun, grau usw. in den
feinsten Schattierungen) zu haben ist, und das im
Einband reiche Wirkungen abgibt. Wir finden aber
auch hellgrauen Saffian mit Blinddruckpressung,
Maroquin in verschiedenen Farben, braunes Wildleder
und Pergament mit Ecrasebesatz. Selbstverständlich
handelt es sich bei Kerstens Einbänden
um Entwürfe, denen er sein Stempelmaterial
zugrunde legte, nicht um geometrische oder
dekorative Handzeichnungen, nach denen für die
Uebertragung die Stempel erst extra angefertigt
werden mußten. Die Kombinationen mit Bogen und
Liniensatz wirken oft überraschend einfach, für den
mit der Handvergoldetechnik Vertrauten aber haben
sie etwas ungemein Anziehendes, Geistvolles. Wie
hier Linienstrahlen ohne Ueberschneidung verschlungen
oder verknotet sind, wie die durch die
Verschlingungen entstandenen Ornamente, mosaikartig
ausgelegt oder andersfarbig gebeizt, eine reizvolle
Unterbrechung geben, oder wie die Ecken
oder Rundungen mit Sternen gefüllt zum Kranze
sich winden, das sind alles Feinheiten, die den
Bücherliebhaber entzücken. Besonders schön, um
einige hervorzuheben, wirken die Einbände zu >Gösta
Beding« von Selma Lagerlöf in saftgrün Ecrase
mit Goldlinien und verschränkten Punktreihen dazwischen
, auf die ein Kranz mit hellroten Rosen
aufgelegt ist, und Dantes >La divina comedia« in
wunderbarem Pergament mit braunem Ecrasebesatz,
der oben und unten über beide Decken und den
Rücken gelegt ist. Auch hier sind außer den Linien
nur zwei Stempel, Punkt und Rosenblüte, verwendet
worden, aber sie bilden in der Zusammensetzung
eine schöne großzügige Dekoration.
Bei den Farbenzusammenstellungen bekundet
Kersten einen guten Geschmack. Für Decken,
Schnitt und Vorsatz ist wohl überall eine farbige
Grundnote angegeben. Die Decken zeigen, als
Ganzes gedacht, auch innen meist Handvergoldung
auf den Kanten. Nur bei wenigen Einbänden sind
die Bünde auf dem Rücken als Schmuck scharf
herausgearbeitet, die meisten Werke zeigen glatte
Rücken ohne erhöhte Markierung der Bünde. Große
Sorgfalt, bei Kersten wohl selbstverständlich, ist
auf die Kapitalbänder verwendet worden.
Den Titel des Buches zeigt immer der Rücken.
Der einzige Versuch, den Deckel mittels Bogen
und Liniensatz zu beschriften, »Fontane, Gedichte«,
ist mißglückt. So war es Kersten nur in wenigen
Fällen möglich, die Individualität des Werkes mit
seinem Material auf der Decke zu symbolisieren.
Von den gebundenen Werken muß noch gesagt
werden, daß ihre typographische Ausstattung nicht
immer den kostbaren Einband rechtfertigt, obwohl
sie wohl alle einen bibliophilen Wert besitzen. Kersten
hat sie im Auftrage der Buchhandlung von
Edmund Meyer in Berlin entworfen und ausgeführt.
Carl Matthies
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