Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 14. Band.1906
Seite: 332
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_14_1906/0342
HENRY VAN DE VELDES ORNAMENTE FÜR SCHMIEDEEISERNE

BOGENLAMPENMASTE

Wiederholt haben diese Blätter die Entwürfe
moderner Künstler für eiserne
Pfeiler, Träger und Mäste besprochen. —
Zuletzt - im Märzheft 1905 waren es
Eugen Berners eiserne Pfeiler und Träger,
die, aus Gußeisen hergestellt, als wohlgelungene
Beispiele der Gewinnung von Kunstformen
aus dem Wesen des Materials heraus
gewürdigt wurden. Weit schwieriger ist
die Bewältigung dieses Problems • eines
der wichtigsten des modernen Kunstgewerbes
— wenn der Pfeiler oder Mast nicht wie
dort im ganzen gegossen ist, wenn der
Künstler auf die Freiheit in der Behandlung
des Materials, die ihm der Guß gewährt,
verzichten muß und durch die Verwendung
schmiedeeiserner Rohrmaste, wie sie von
den Rohrwalzwerken erzeugt werden, seiner
künstlerischen Betätigung enge Schranken
gesetzt sind.

Schmiedeeiserne Rohre werden ihrer
größeren Stabilität wegen am meisten zu Beleuchtungsmasten
verwendet und zwar in der
Art, daß drei bis vier Rohre von immer
kleinerem Durchmesser ineinandergeschoben
werden. Diejenigen Stellen, wo zwei Rohre
zusammenstoßen, sind durch Ringe verkleidet,
deren Form, wie die der „Verzierungen" am
Sockel und an der Spitze, dem unerschöpflichen
Born der Hochrenaissance und des
Barock entnommen sind. So stellen sich
die bisher zumeist im Gebrauch befindlichen
Rohrmaste als Seitenstücke zu den „Renaissancemöbeln
" unserer Bürgerhäuser dar, und
wer einmal gelernt hat, an diesen das Unkünstlerische
, Unorganische, Deplazierte, kurz
das Unschöne zu sehen, dem erscheinen auch
jene als eine Verunzierung unserer Straßen
und Plätze. Hier heißt es also zu bessern.

Die Rohrwalzwerke fabrizieren nun einmal
schmiedeeiserne glatte Rohre. Daher soll
das glatte Rohr als Schaft beibehalten werden.
Dieses verträgt aber im wesentlichen keine,
seine äußere Gestalt verändernde Bearbeitung
. Der Künstler hat also vor allem Ornamente
zu schaffen, welche das nackte, kahle
Rohr mit Schmuck, mit gegossenen, geschmiedeten
oder gestanzten Zierstücken bekleiden
und dadurch dem Auge gefälliger
machen. Die Aufgabe, die ihm gestellt wird,
besteht demnach lediglich darin, an Stelle

der veralteten Motive moderne zu setzen,
das für die Nachbildung im Eisen ohnehin
nicht geeignete Renaissance- und Barock-
Ornament durch ein besseres, sowohl
dem Material wie unserem Geschmack mehr
entsprechendes zu ersetzen.

Von diesem Grundgedanken ausgehend,
hat sich die Leitung der H uldschinsky-
werke in Gleiwitz, die solche Rohrmaste fabrizieren
, an Henry van de Velde gewandt.
Die Rohrmaste verlangen dreierlei Ornamente,
eins für den Sockel, eins zur Verkleidung der
Stellen, wo die einzelnen Rohre zusammenstoßen
(dieses kann zur Not auch fehlen),
und eins für die Spitze, welches dem zum
Tragen der Bogenlampen bestimmten Mäste
etwa die Gestalt eines Bischofstabes gibt.

Van de Velde hat nun für jedes dieser
drei Ornamente je zwei Modelle entworfen
und außerdem ein drittes Sockelmodell für
Mäste einfacherer Art zur Kombination mit
den anderen Ornamenten, so daß man also
drei Arten Mäste zusammenstellen kann.

Wie die Abbildungen zeigen, haben diese
Entwürfe die bekannten Vorzüge des van
de velde'schen Linienstils. Bei den reich
verzierten Modellen hat er die glatte Fläche
des schmiedeeisernen Rohres in seiner ganzen
Länge in glücklicher Weise dadurch überwunden
, daß er vom Sockel bis an das obere
Ende vier Längsrippen, jede etwa 5 cm breit,
den Mast emporsteigen läßt. Diese Rippen
biegen sich gleichsam an den Stellen, wo die
einzelnen Rohrteile zusammenstoßen, halbkreisförmig
nach außen und bilden einen
durchbrochenen Kelch um den Schaft. Die
Längsrippen und Kelche verleihen dem Mäste
erhöhtes Leben und den Eindruck des leichten
und freien Aufsteigens aus dem Massiv des
Sockels. Beim zweiten Modell, welches diese
Längsrippen nicht aufweist, werden die Ueber-
gangsstellen durch massive Knospen verkleidet,
die das Linienmotiv des Sockels in kleinerem
Maßstabe wiederholen und variieren.

Es wäre zu wünschen, daß unsere Städte
dazu übergehen, der Architektur ihrer Straßen
und Plätze auch in Bezug auf die zur Aufstellung
kommenden Mäste erhöhte Aufmerksamkeit
zu schenken; van de Veldes Entwürfe
bieten dazu ein recht schätzenswertes
Material. h. st.

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