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SCHMUCKSACHEN VON FRIEDRICH ADLER-MÜNCHEN
Viel stärker als alle Moden der letzten
Jahrzehnte bevorzugt die jetzige Mode
den Hängeschmuck. Schon die langen Ketten,
an welchen die Uhr, das Lorgnon oder der
Muff befestigt werden, geben der Vorliebe
Ausdruck für Schmuck, der schmiegsam
fließend der Bewegung des Körpers folgt.
Aber auch ohne anderen Zweck als den zu
zieren und die Gesamterscheinung zu beleben,
werden Ketten aus Korallen und Halbedelsteinen
, aus Perlen und feingegliedertem
Metall sehr viel getragen: bald lange herabhängend
, bald einige Male um den Hals geschlungen
oder zu anmutiger Zweiteilung
vorne mit einer Brosche aufgenommen. Und
der eigentliche Halsschmuck feiert eine
wirkliche Auferstehung! Er, der lange Zeit
nur abends zur großen Toilette angelegt wurde,
hat sich jetzt in diskreten Varianten auch die
Bluse und das elegantere Tageskleid erobert.
Und so wird der Ruf nach abwechslungsreicher,
dem verschiedenen
Charakter der Gewandung
Rechnung
tragender Auswahl
immer lauter. In
den Versuchen der
Künstler spieltaber
fast durchgängig das
Motiv der „Kette"
die große Rolle.
Auch Adler hat es
bei seinen neuen Arbeiten
, von denen
wir heute einige
wiedergeben, mit
Geschick und Anmutverwandt
. Das
Kettchen dient hier
nicht nur als Träger
des Schmuckstückes
, sondern
auch als zierlich
bewegliche Verbindung
zwischen
dessen einzelnen
Haupt- und Nebengliedern
, die — wie
man auf unseren
Abbildungen sieht,
—■ immer als zusammen
ein Ornament
, eine Silhouette
bildend, gedacht
sind. Diese
SILBERNER HALS-SCHMUCK MIT PERLEN UND BRILLANTEN
Bewegtheit innerhalb der Gesamtform gibt
dem Schmuck Leichtigkeit und Grazie, verführt
aber gern zu etwas spielerischen Wirkungen
auf Kosten ruhiger vornehmer Geschlossenheit
. Farbig sind Adlers vorliegende
Arbeiten sehr reizvoll. Die Abbildungen auf
Seite 335 zeigen einen reichen Goldschmuck,
leicht silbrig abgetönt und mit hübschen Brillantrosetten
besetzt, und ein Kollier aus
platingrauem Silber, dessen feine grauweiße
Stimmung von Metall und Brillanten durch
den großen hellroten Almantin im mittleren
Hängeglied pikant gesteigert wird. Für den
Halsschmuck auf dieser Seite diente helles,
mattes Silber, dessen leise Hammerspuren
die Nüchternheit der glatten Fläche belebend
brechen. Dieser Schmuck ist auch auseinander
zu nehmen und das Mittelstück nebst
Anhänger als Brosche zu benützen. An sich
wäre dies ein sehr praktischer Gedanke, aber
verwirklicht, stören — besonders auf bloßer
Haut getragen, —
die Broschenadel,
die spitzen Häkchen
undOesenund
verhindern, auch
abgesehen von der
Gefahr des Ritzens,
das schöne direkte
Aufliegen des
Schmuckstückes.
Technisch sauber
und verständnisvoll
wurden die Sachen
von Schülern
der von W. v. Deb-
schitz geleiteten
„Lehr- und Versuch
-Ateliers "ausgeführt
. Sich direkt
praktisch mit der
Herstellung solcher
Arbeiten unter
künstlerischer
Leitung befassen
zu können, ist
von größtem Werte
für die Lernenden
. Denn sie empfangen
vom Material
die Anregungen
und gewöhnen
sich so, nicht bloß
theoretisch zu konzipieren
.
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