Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 14. Band.1906
Seite: 337
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-v=4^> DIE GÜLDEN KAMMER IM BREMER RATHAUSE <^^-

HEINRICH VOGELER

KAMINFÜLLUNG AUS JAUNE DE SIENNE MARMOR

HEINRICH VOGELERS EINRICHTUNG DER GÜLDENKAMMER

IM BREMER RATHAUSE

In dem herrlichen alten Bremer Rathause
befindet sich inmitten des Oberstocks an
der dem Markt zugewendeten Südseite ein
Gemach von mäßigen Dimensionen. Es war
nicht ursprünglich da, nicht in dem gotischen
Bau, der zwei Jahrhunderte lang im wesentlichen
unverändert bestanden hat. Erst als
das alte Haus zu Anfang des siebzehnten
Jahrhunderts mit dem reichen sandsteinernen
Prachtgewande deutscher Renaissance umkleidet
wurde, baute man die Kammer in die
weitläufige Halle des Oberstocks ein. Eigentlich
wurden es zwei Kammern, die übereinander
belegen und durch eine äußere
Wendeltreppe verbunden, die ganze Höhe der
Halle erreichen. Aber von der oberen Kammer,
die anfänglich der Aufnahme des Ratsarchivs
diente, war nie viel die Rede. Die untere
Kammer dagegen, festlichen oder feierlichen
Versammlungen des Rates bestimmt, wurde
prächtig geschmückt. Ihre Wände bekleideten
sich mit vergoldeten Ledertapeten, so daß sie
im Volksmunde schlechthin die Güldenkammer
genannt wurde. Der Name ist ihr geblieben,
obwohl aus der güldenen Prachtkammer allmählich
eine häßliche Rumpelkammer wurde.
Eine Zeit, die sich selbst für so wichtig hielt,
daß sie das Alte verachtete, nur weil es alt
geworden war, hatte die glänzenden Tapeten
herausgerissen und die Wände mit braunem
Papier beklebt; sie hatte einen eisernen Ofen
hineingestellt, nichtssagende Stühle und in
die Mitte einen Tisch mit grüner Decke, so
daß man hätte meinen können, man befände
sich hier in dem Wartezimmer eines Rechtsanwalts
. Nur eines ließ man, Gott sei Dank,
unangetastet, die Außenseite der Kammer,
das üppige, in Eichenholz geschnitzte Gewimmel
von Ornamenten, Figuren, Ranken
und Blumen, das Wände, Portal und Treppe
überzieht. Das heißt, so ganz unversehrt blieb
auch dieses nicht. Es gibt so viele Arten,
alte Kunst zu beschädigen — nicht durch Zerstörung
allein, auch durch Ergänzung. Und so
geschah es hier.

Ich glaube, daß es nichts Schwereres gibt
als die Ergänzung alter Kunst. Denn sie
erfordert die Verbindung von Eigenschaften,
die einander widerstreiten, Selbständigkeit
und Selbstverleugnung, Schöpferkraft und
Anpassungsvermögen, Instinkt und Gelehrsamkeit
. Fast alle Ergänzungen, die wir
kennen — und wir kennen sehr viele, das
neunzehnte Jahrhundert war das Jahrhundert
der Ergänzungen — besitzen nur die eine
oder die andere dieser Eigenschaften oder
gar keine von ihnen. Die Ergänzer wußten
offenbar nicht, was sie taten. Sie dachten
vielleicht, die alten Formen seien einmal
erfunden, und sie dürften sie nun abklatschen
oder könnten dergleichen weiter erfinden.
Aber die alten Formen waren nicht erfunden,
sondern gewachsen. Sie hatten ihre Nahrung
aus einem Boden gesogen, der seitdem tausendmal
umgepflügt worden ist, aus andern Formen,
die zerbrochen sind, aus Gedanken, die wir
nicht mehr denken, aus Bedürfnissen, die
wir nicht mehr empfinden. Und selbst, wenn
es dem Künstler mit endloser Mühe gelingt,
sich solchen Boden künstlich zu bereiten, so
verfolgt ihn immer noch der Fluch der Un-
wahrhaftigkeit. Mit diesen Bedenken hat sich
freilich der Architekt wenig geplagt, der im
letzten Jahrzehnt das unterbrochene Werk der
Güldenkammerschnitzerei fortsetzte, indem er
die ganze Rathaushalle mit Getäfel umkleidete
und ein neues prunkvolles Ratsgestühl an die
Stelle des längst verschwundenen gotischen
setzte. Da er die bremische Renaissance so
gut kannte, daß er ihre Motive auswendig
wußte, ging er wohlgemut ans Werk und arbeitete
im Stil der Güldenkammer weiter,
aber durchwegs noch kräftiger und reicher
bis zur höchsten Steigerung aller Mittel im
Ratsgestühl. So komponierte er für ein Flötenkonzert
einen Posaunenchor als Begleitung.

Dekorative Kunst, IX. 8, Mai igcö.

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