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-s?-Ssö> DIE GÜLDENKAMMER IM BREMER RATHAUSE <^=^
Die besten Ergänzungen sind eigentlich die,
welche im hergebrachten Sinne keine Ergänzungen
sind, sondern solche, die das Alte für
sich abgeschlossen stehen gelassen haben, um
etwas Neues daneben zu setzen, etwas Neues,
das von dem Bestreben geleitet war, dem
Alten nicht zu schaden. Eine solche Ergänzung
ist Sempers Galeriebau, der den Dresdener
Zwingerhof schließt. Eine solche ist auch
die neue Einrichtung der Güldenkammer.
Vogeler genoß dabei den besonderen Vorteil
, daß die Tür den Bereich seiner Aufgaben
von der berühmten Außenseite der Kammer
trennte, und daß von der alten Einrichtung
rein gar nichts geblieben war als der leere
Rahmen. So hatte er tabula rasa vor sich
und konnte auf seine Art wieder eine Güldenkammer
schaffen, einen goldgeschmückten
Prachtraum für intime Festlichkeiten des Rats.
Heinrich Vogeler hat sich seinen ganz
besonderen Stil gebildet, in dem er nicht
nur arbeitet, sondern auch lebt, einen Stil,
wie er nur in ländlicher Abgeschiedenheit
erwachsen kann unter den Händen eines
Künstlers, der vieles gesehen und gekostet
hat. Was ist hier nicht zusammengekommen ?
— Ferne und fernste Vergangenheit, gestern
und heute; Antike, Renaissance, ein klein
wenig Rokoko, Empire, Biedermeiernüchternheit
, Italien, Frankreich, England, Deutschland
, Bremen und Worpswede. Vielerlei Formen
und die Bruchstücke von Formen sind
in der Phantasie des Künstlers zusammengeschmolzen
und haben neuen Formen das
Leben gegeben, die ihm allein gehören. Es
hat ziemlich lange gedauert, bis diese Formenwelt
reif war, bis sie so weit und so reich
war, daß sie alles in sich aufnehmen und
neu gestalten konnte, das Haus, die Zimmer,
die Möbel, Geräte, Stoffe, Kleider und Bücher.
Jetzt ist das Ziel erreicht, und Vogeler ist
gerüstet — ich würde sagen fertig, wenn ein
Lebender je fertig sein könnte. Er hatte
als Maler begonnen, dann fing er an zu radieren
, für Bücher zu zeichnen, einzelne Geräte
, Silberzeug zu entwerfen. Der Zeichner
gewann allmählich über den Maler die Oberhand
, nicht ein Zeichner, der ehrfurchtsvoll
die Natur in Studien zu ergründen sucht,
sondern einer, der die ganze Außenwelt, die
vom Menschen abhängt, schmückend umgestaltet
. Vollendet erschien er zuerst im Buchschmuck
. Auf deutsche Art ist er gründlich
und zierlich. Unterstützt von einer behenden
, nimmermüden Phantasie verfolgt Vogeler
seine Aufgaben bis ins kleinste und feinste.
Sein Vorrat an dekorativen Formen ist zwar
reichhaltig genug, doch herrschen darin ein
paar Lieblingsmotive vor, Rosen, Blattranken,
und — vielleicht in Anspielung auf seinen
Namen — phantastische Vögel. Sie dienen
ihm dazu, die traditionellen Kapitelle, Be-
krönungen und Friese neu zu beleben. Wo
sich ihm die Fläche einer Füllung auftut, da
überspinnt er sie gern mit einem verschwenderisch
reichen Formengewebe.
Der erste Eindruck der neuen Güldenkammer
ist der einer überraschenden Geräumigkeit
. Mit großer Kunst wird dieser
Eindruck eben durch die Zierlichkeit der
Dekoration genährt. Starke Profile und große
Dekorationsformen verkleinern erfahrungsgemäß
ihre Umgebung. Hier sind im Gegenteil
die Profilierungen überall wenig ausladend,
der Plafond wird durch ein flaches Gestäbe
in Felder geteilt, die Täfelung ist im Anschluß
an das niedrige Fensterkreuz auf das geringste
Höhenmaß beschränkt, so daß die Wandfläche
darüber gewachsen zu sein scheint.
Anstatt der Schnitzerei, deren stark ausladendes
Relief die Wände der Rathaushalle umzieht
, ist Intarsia verwendet. Ja, nach dem
ursprünglichen, durch den Einspruch der Baubehörde
leider vereitelten Plane sollte die
ganze Täfelung aus einer einzigen glatten
Intarsiafläche bestehen, von der sich nur
Fußleiste und Gesimse plastisch absetzten.
„Eine Prachtkajüte" nannte ein Freund
geringschätzig die Güldenkammer, die er nicht
leiden mochte. Merkwürdigerweise findet sich
immer ein intimer Freund, der das nicht ausstehen
kann, was wir bewundern. Dieser da
hatte gleichzeitig sehr recht und sehr unrecht
— unrecht freilich nur im Ton und in der
Absicht. Denn der Kajütenstil war das einzig
richtige für einen Raum, der in die große
Halle ebenso nachträglich eingebaut war, wie
die kleinen Wohngelasse in den weiten Schiffsbauch
. Außerdem entspricht eben dieser
Kajütenstil einem tief eingewurzelten Charakterzug
der nordwestdeutschen Menschen, die
sich, als wären sie lauter Seebären, gar nicht
eng genug einkapseln können, wenn sie gemütlich
werden. Man denke nur an die vielen
Kojen und Kämmerchen nordwestdeutscher
Speisehäuser, hinter denen der Uneingeweihte
sehr mit Unrecht die galanten Nebenabsichten
des cabinet particulier vermutet.
Neben der Weiträumigkeit ist es die phantastische
Pracht, die den Eintretenden überrascht
. Man sollte denken, daß die eichenen
Außenwände schon das letzte Wort der Uep-
pigkeit gesagt hätten, und wenn mit denselben
Mitteln im Innern weitergearbeitet wäre, so
hätte allerdings keine Steigerung erfolgen
können. Sie wurde nur ermöglicht durch
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