http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_14_1906/0375
DAS HAUS „HEIMELI" IN LUZERN
Der Künstler, dessen hier abgebildetes
Werk mir Veranlassung zu einigen betrachtenden
Worten gibt, Architekt Sepp
Kaiser, gehört zu den jüngeren Berliner
Künstlern, unter denen er sich langsam und
sicher seine Stellung schafft, nachdem er zuerst
als Architekt an der Hochbahn, durch
seine Mitarbeit bei den modernen Wohnräumen
von A. Wertheim und einigen Konkurrenzen
mit Erfolg in die Oeffentlichkeit
getreten ist. In der Villa des Herrn Dr. An-
dresen zu Luzern - Dreilinden hatte er das
Glück einer höchst lockenden Aufgabe, die
ihm erlaubte, seinen Gestaltungen den Stempel
des Persönlichen ungehindert und ganz seinem
Sinne nach zu geben; sie ist ihm deshalb
auch außerordentlich gut gelungen.
Das Haus „Heimeli" liegt auf einem der
weichen grünen Hügelrücken, die das schöne
Luzern in nächster Nähe reich umgeben,
und auf die hinauf sich die neuen Villenquartiere
, so die der Terraingesellschaft Dreilinden
, ziehen, um den freien Blick über See
und Land mit unmittelbarer Nähe der Stadt
vereint zu haben. Für eine hierbei noch besonders
günstige Situation, nahe dem Hügelkamme
die glücklichste Orientierung und Silhouette
zu bilden, war das eigentliche Problem, dem
Kaiser in interessanter Weise entsprach.
Es gibt in der Schweiz, namentlich in den
stark von Fremden besuchten Teilen, eine
ungeheure Menge von neueren Villen, die
auf den lockenden Begriff des Chalet getauft
, den Zusammenklang mit dem stets
schönen Landschaftsbilde dadurch zu erzielen
glauben, daß mit ungezählten, ausgesägten
Holzarbeiten, unbenutzbaren Baikonen, unmöglichen
Türmchen und Erkern mit Spitzen
und tausend dünnem Aufputz eine ortsübliche
Ländlichkeit markiert wird. Das hat sich
an den herrlichsten Orten stimmungslos,
häßlich und wahllos ausgebreitet, daß es eine
Schande ist, zum Trotz der wundervoll kraftsichern
alten Bauernhäuser, die vornehm
und verachtend daneben stehen und den beschämendsten
Maßstab für das künstlerische
Unvermögen geben, das aber im übrigen
durchaus sakrosankt ist.
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