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INITIALEN AUS VERÖFFENTLICHUNGEN DER VERLAGSBUCHHANDLUNG EUGEN DIEDERICHS IN JENA
PAUL HAUSTEIN-STUTTGART
ie alten römisch-deutschen Kaiser
nannten sich in ihrem
schönen großen Titel mit Stolz
„alleztt merer des riches", und
wenn auch der eine oder andere
seinem Nachfolger nur
so und so viele Quadratmeilen weniger hinterlassen
hatte, als er selbst ererbte, so wäre
doch kein Kanzler in Verlegenheit gewesen,
trotzdem zu beweisen, daß weiland Majestät
desungeachtet ein „Mehrer des Reichs" gewesen
, indem er anderweitige reale oder ideale
Güter der Nation geschenkt habe. —■
Auch unter den modernen Künstlern und
kunstgewerblichen Stilbildnern gibt es nicht
wenige, die sich für gewaltige ,,Mehrer des
Reiches", und zwar des Reiches des Schönen,
halten, obwohl ihre Eroberungszüge in unkultivierte
Gebiete nicht selten mit Niederlagen
endigen oder aber das, was sie gewonnen
zu haben glauben, sich als ein seit Olims
Zeiten unbestrittenes, wenn auch inzwischen
vernachlässigtes Besitztum herausstellt.
ine um so größere Freude müssen
wir über alle jene haben,
die von ihren Zügen in unbekannte
Fernen mit wirklich
wertvoller Beute heimkehren
und dem Reiche des Schönen
ganze Gebiete angliedern, die vorher keines
Menschen Fuß zu betreten wagte. Das sind
die einzig wahren „Mehrer des Reichs", die
ein Stück Landes nach dem andern gewinnen
und durch ihre erfolgreiche Pionierarbeit das
stolze Reich des Zukunftstiles mit aufbauen
helfen.--
Zu den hoffnungsvollsten Pfadfindern der
neuen Richtung zählt der erst im 26. Lebensjahre
stehende Paul Haustein, ein gebürtiger
Sachse, der über München und Darmstadt
seinen Weg nach Stuttgart genommen hat
und nun seit mehr als Jahresfrist an den von
Bernhard Pankok geleiteten ,,Kgl. Lehr-
und Versuchswerkstätten" der schwäbischen
Residenz mit dem besten Erfolge wirkt. München
und Darmstadt, man kann sich keine geeigneteren
Zwischenetappen denken als diese
beiden Städte, von denen jede in ihrer Art
mit ihrer übereifrigen und erfolgreichen modernen
Kolonie auf einen jungen Künstler
mächtig einwirken und ihn zu ähnlicher Tätigkeit
mitreißen muß.
n München war Haustein vorerst
mehr ein Empfangenderais
ein Gebender, obgleich seine
gesunde Eigenart ihn bereits
davor bewahrte, sein Gefährte
allzuweit in den ausgefahrenen
Geleisspuren anderer zu führen; nach Darmstadt
vollends kam er bereits als ein innerlich
Gefestigter, dem auch die starke persönliche
Note eines Olbrich nichts mehr
anhaben konnte.
uffallend ist es, daß Darmstadt
stets so tüchtige Kräfte zu gewinnen
, aber fast nie lange zu
halten vermag. Ob persönliche
Gründe hierfür vorliegen, ob
der genius loci die materiellen
Verhältnisse der Beteiligten ungünstig beeinflußt
, ob noch andere Veranlassungen hinzutreten
, — es würde uns hier zu weit führen,
solche Fragen zu erörtern. Stuttgart kann
sich jedenfalls freuen, schon so bald Haustein
gewonnen zu haben, dem in der allernächsten
Zeit auch die Darmstädter Kolonisten
Habich und Cissarz nachfolgen werden.
Das muß man dem Professor Bernhard
Pankok lassen, daß er nicht nur einer unserer
interessantesten Künstler, sondern daß er auch
ein ganz vorzüglicher Organisator ist, der sich
seine Mitarbeiter nicht nur sehr geschickt aus
allen Gauen Deutschlands zu wählen versteht,
sondern auch die gewiß noch seltenere Gabe
besitzt, selbst heterogene Elemente in einer
geschlossenen Gemeinschaft zusammenzuhalten
. Irgend eine kleinliche Bevormundung
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