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DIE DRITTE DEUTSCHE KUNSTGEWERBE-AUSSTELLUNG
DRESDEN 1906
Den Scheitel der Wellen, in denen sich der
Rhythmus einer künstlerischen Entwicklung
in früheren Jahrhunderten vorwärts bewegt
, bezeichnen für uns die Momente, wo eine
Kirche gegründet oder geweiht, ein Gemälde
gestiftet, ein Reliquienschrein übergeben wurde.
Das Unpersönliche, das in solcher Historie
liegt, weicht erst im 14. und 15. Jahrhundert
dem Biographischen: aus der Kunstgeschichte
wird die Künstlergeschichte. Das einzige
Frankreich wagte es, über die Rolle, die den
einzelnen Individuen in dem Strom künstlerischen
Schaffens und Empfindens zufiel, die
Regierungszeit seiner Monarchen als Generaletappen
der Kunstgeschichte zu statuieren.
Den letzten dieser kolossalen Meilensteine
erblicken wir in Napoleon, dem Herrscher
des Empire. Und wie ungewöhnlich eng die
Bande des politischen Lebens sich dort mit
denen der Kunst verflochten, lehren die Namen
Directoireund Konsulat ais Bezeichnungen
bestimmter, scharf zu umgrenzender Stileinheiten
nicht nur der Architektur, sondern auch
der dekorativen Künste.
Einer so gewaltigen Umwälzung wie der,
die in dem Eintreten des Kunstgewerbes als
selbständiges Gebiet in das Bewußtsein der
Masse liegt, war es vorbehalten, auch ein selbständiges
System der Gliederung für dessen
geschichtlichen Werdegang einzuführen. Das
Neue hat sich mit so überraschender Spannkraft
Bahn gebrochen, hat in kurzer Zeit so
viele Individualitäten in stürmischem Anprall
mit sich gerissen, daß die Lebensphasen des
einzelnen in dem ungeheuren Strom verschwanden
. Mit fieberhafter Eile wurde das
kaum Vollendete auf die Bühne des Zeittheaters
gezerrt. Längst war ja die enge
persönliche Berührung des Schaffenden mit
dem Publikum einem, man möchte sagen,
großindustriellen Betriebe gewichen. Jetzt,
wo die Beteiligung von Handwerkern, Unternehmern
, Fabrikanten aller Art einen frischen
Zug kaufmännischen Geistes in die schon arg
zerschlissenen privatwirtschaftlichen Betriebe
der Ateliers brachte, zögerte man nicht, dem
Schau- und Kaufbedarf mit allen nur irgendwie
brauchbaren Mitteln zu dienen. Die Zeit
der Warenhäuser brachte auch die Epoche der
großen Fachausstellungen, und das neue Kunstgewerbe
eignete sich mit besonderer Virtuosität
diese Produktionsform an. Denn diese
Ausstellungen gingen bald über die Aufgabe
einfacher Kompilationen des Vorhandenen weit
hinaus. Sie wurden zu Zentren, an die das
Heer der Kristalle in unüberwindlicher, von
geheimnisvollen inneren Gesetzen bewegter
Energie anschießt, zahllose größere und kleinere
Gebilde aus dem Nichts chemischer Urzustände
nach sich lockend. Und so mußte
die Zeitchronik, die dem bunten Leben künstlerischer
Erscheinungen nachgeht, aus der
Künstlergeschichte zu einer Ausstellungsgeschichte
werden.
Die Klagen, daß die Ausstellungen der Ruin
jeder gesunden Schaffensweise seien, sind
ebenso zahlreich wie unnütz. Derselbe romantische
Unverstand, der von der Zeit Holbeins
und Peter Vischers als der auch für uns
einzig vorbildlichen Idealzeit allgemeiner künstlerischer
Kultur spricht, will einen auf breitester
volkswirtschaftlicher Grundlage aufwachsenden
Baum in den engen Topf der
alten, langsamen Einzelbetriebe verpflanzen.
Wir müssen uns daran gewöhnen, Kunsthandwerk
und Kunstindustrie, wie sie uns vorschweben
, nicht mehr mit dem Maßstab der
alten, philosophisch geschulten Aesthetik zu
messen. Bei der Beurteilung von Ausstellungen
wie der gegenwärtigen Dresdner spielen
sozialökonomische, ja nationalpolitische Momente
gewichtigster Art mit hinein. Gewiß
wird, besonders auch an dieser Stelle, das
stilistische Problem stets in erster Linie stehen.
Aber daneben erhebt sich die Frage, die schon
in St. Louis auf der Tagesordnung stand: Ist
es dem deutschen Kunstgewerbe gelungen, die
Stufe der Qualitätsproduktion zu erreichen, auf
die sowohl die eigne wirtschaftliche Vergangenheit
wie die Weltkonkurrenz es hindrängt?
Haben die industriellen Unternehmer eingesehen
, daß nur erstklassiges Material, erstklassige
Arbeit imstande ist, im Wettkampf
mit den anderen Nationen Deutschland zum
Siege zu verhelfen? Fragen, wie die nach
den Wirkungszonen von Handwerk und Maschine
, so wichtig sie an sich sind, nach dem
künstlerischen Schwerpunktinnerhalb Deutschlands
, nach dem Grade der Unabhängigkeit
von fremden Vorbildern, nach den Systemen
kunstgewerblichen Unterrichts treten vor jenen
weit zurück. An keiner von ihnen ist die
Dresdner Ausstellung, wie wir sehen werden,
vorbeigegangen. Dann aber erst, wenn sie
Dekorative Kunst. IX. 10. Juli 1906.
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