Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 14. Band.1906
Seite: 481
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DIE DRITTE DEUTSCHE KUNSTGEWERBE-AUSSTELLUNG

DRESDEN 1906

in.

Das Anknüpfen an die Tradition, das der
Kirchenbaukunst des 19. Jahrhunderts so
verderblich wurde, mochten viele der Friedhofskunst
als Richtschnur wünschen, wenn
sie die öden, schematisch abgezirkelten
Reihen überblickten, die, ein wahrer Steinbruch
von poliertem Granit und blendendem
Marmor, das typische Bild der Kirchhofsanlage
der Gegenwart ausmachen. Eitelkeit,
Sentimentalität und Geschmacksroheit schienen
jahrzehntelang von dem Bild der Ruhestätte
unserer Toten unzertrennlich. Der
Kampf gegen die Unkultur, wie sie sich in
der Gestaltung des einzelnen Grabmales äussert
, hatte schon zu schönen Erfolgen geführt,
als die Erkenntnis sich Bahn brach, daß nur
eine völlige Umgestaltung der räumlichen,
landschaftlichen Gesamtanlage dem Gottesacker
wieder einen Platz in dem künstlerischen
Leben unseres Volkes sichern
könne. In Dresden bot der östliche Innenhof
, zwar nur etwa 40 : 40 m umfassend, Gelegenheit
, im Anschluß an die Räume für
kirchliche Kunst die Ideenskizze eines Friedhofs
zu schaffen, wie ihn sich ein Mensch
mit künslerischem Empfindungsleben wünschen
mag. Max Hans Kühne übernahm die
dankbare Aufgabe: er führte den Weg von
dem Eingang aus entlang einer offenen Bogenhalle
sachte treppan zu einer Kapelle, deren
hoher First von der Ecke aus den Hof überschaut
. Die Grabmäler liegen teils an der
Wand, teils in der von Bäumen und Gebüsch
durchsetzten Rasenlehne der Mitte unregelmäßig
verstreut; neben der Kapelle reihen
sich einige Grüfte an. Die Stimmung, die
wir in unseren großen städtischen Gräber-
Kasernen vergeblich suchen, die ruhige Luft
einer Weltabgeschiedenheit, in der nur Erinnerungen
an liebe Menschen und die blühende
Natur lebendig sind, wir atmen sie hier,
und mit Entzücken geben wir uns der holden
Ruhe hin, die in der reinen Harmonie architektonischer
, plastischer und landschaftlicher
Wirkungen schwebt. Von all den Bildern,
die in der Ausstellung an uns vorbeiziehen,
besitzt das dieses kleinen Friedhofes wohl
die liebenswürdigsten Konturen, die weichsten
und wärmsten Farben.

Es ist klar, daß jede Architektur, wenn sie
solche Stimmung nicht stören will, darauf

verzichten muß, sich hier auf das glatte Gebiet
kühner, formaler Neubildungen zu wagen. So
hat auch Max Hans Kühne das Innere der
Friedhofskapelle, deren Aeußeres nur durch
einen mit Kupfer getriebenen Aufsatz und
kräftige Malerei ausgestatteten Portalbau gehoben
wird, mit feinem Empfinden den schlichten
Anlagen älterer Dorfkirchen genähert. Das
Sparrenwerk des Dachstuhls zeigt wie die
verputzten Füllungen reiche, fast allzureiche
dekorative Bemalung (Wilh. Hartz, Dresden),
die an der reizenden kleinen Empore die glücklichsten
Ideen aufweist. In der Altarnische
wäre farbig größere Ruhe willkommen. Wie
die nicht eben einfache Beleuchtungsfrage
durch die je drei schmalen, bis auf den Sockel
reichenden Fenster in der Ecke gelöst ist,
denen Josef Goller mit seinen figürlichen
Kompositionen erst Leben und Charakter verliehen
hat, das kann als einer der erfreulichsten
Züge in der Raumgestaltung der Kapelle hervorgehoben
werden. (Abb. vergl. S. 471—473.)

Die sechzig Grabmäler des Friedhofs weisen
die Gestaltungsmöglichkeiten, die in dem Motiv
des Gedenksteins liegen, nach den verschiedensten
Zielen hin. Sollen wir es beklagen,
daß, wenn man einst rückschauend diese
Gruppe prüft, von dem deutschen Grabmal des
beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts nicht
wohl gesprochen werden kann? Es ist sicher
eine der eigentümlichsten Erscheinungen, wie
hier Künstler, die sich innerlich und den Problemen
der Zeit gleich nahe stehen, zu so auseinanderliegenden
Resultaten gelangen. Gemeinsam
ist eigentlich allen der Ernst und
die liebevolle Durchbildung nach der Seite
des Persönlichen hin. Ein mehr oder weniger
virtuoses Spiel mit architektonischen Formeln,
wie es so lange gerade auf dem Friedhof sich
breit machte, trifft man nirgends mehr. Da
errichtet Wilhelm Kreis eine mächtige Front,
deren schwere Gesimsplatte zwei kolossale
dorische Säulen tragen. Das schmale Weib
mit dem seltsam großen Kopf, in der Hand
die geheimnisvolle Flammenschale, gleitet wie
ein Schatten (und dennoch als ein architektonisch
unentbehrliches Teilstück) an den gewaltigen
Massen der Steine vorbei. (Abb. S. 475.)
Fritz Schumacher holt eine flache, von glatten
Pfeilern gegliederte Nische in die Wand, über
der eine schwere, unbehauene Platte sich kräftig

Dekorative Kunst. IX. 12. September 1906

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