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charles van der stappen
giebelfelder
BELGISCHE
BILDHAUER DER GEGENWART
Von Paul Schumann
I.
W
Gleich der französischen hat auch
die belgische Plastik in den
letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts
eine Blütezeit erlebt, wie nie
zuvor. Durch einzelne Werke, die in
München und Berlin auf den Ausstellungen
auftauchten, war man schon vorher
auf diesen Aufschwung der belgischen Plastik
aufmerksam geworden, aber in ihrem ganzen
Umfang lernten wir das Schaffen der Künstler
von Brüssel, Antwerpen, Gent usw. erst kennen
durch die Erste Große Kunstausstellung zu
Dresden im Jahre 1897. Mit Staunen sahen
wir damals in einem Saale das ganze gewaltige
Werk Constantin Meuniers vereint, in dem
andern aber über hundert bedeutsame Schöpfungen
von Van der Stappen, Charlier, Samuel,
Lambeaux, Lagae usw. Selten wohl hat eine
Ausstellung in so überraschender Weise Neues
und zugleich Bedeutendes geboten, wie jene
Dresdener Ausstellung. Die belgischen Bildhauer
und besonders Constantin Meunier sind
seitdem in Deutschland allen Kunstfreunden
wohlbekannt. Es ist daher wohl gerechtfertigt,
wenn wir hier eine kurze Uebersicht über die
Entwicklung der modernen belgischen Plastik
zu geben versuchen. Wir stützen uns dabei
auf folgende Werke: Lemonnier, Cinquante
ans de liberte beige, Edmond-Louis de Taeye
Les artistes beiges contemporains, Heßling
und Symons, La sculpture beige contemporaine
und besonders Olivier Georges Destree, La
renaissance de la sculpture en Belgique.
Belgien wird bekanntlich von zwei grundverschiedenen
Rassen bewohnt, den germanischen
Flämen im Norden, den romanischen
Wallonen im Süden; jene sind wohl etwas
schwerfällig, aber energisch und zäh, arbeitsam
und fromm; die Wallonen dagegen stehen
politisch, in Sprache und Kultur zu den Franzosen
, sie leben unter einem heiteren Himmel,
sind selbst heiter, lebhaft, beweglich in ihrem
Tun und Treiben, in ihrer Phantasie
und in ihrer Kunst. In der älteren
Zeit hat bekanntlich die flämische
Kunst die bedeutendere Stellung innegehabt
, Rubens und van Dyck hat sie in
Meister von Weltruf hervorgebracht, aber
auch die Wallonen haben ihren berechtigten
Anteil an den zahlreichen Kunstwerken, die
seit dem 10. Jahrhundert in den belgischen Kirchen
und Abteien, in den Rathäusern, Beifrieden
, Markthallen und Gildenhäusern entstanden
sind. Im 15. und 16. Jahrhundert erlebte
die belgische Plastik ihre erste Blüte;
noch im 17. Jahrhundert finden wir eine Nachblüte
dieser großen Zeit, ganz besonders in
der Holzbildhauerei. Dann aber verfällt die
belgische Plastik unter die Herrschaft des internationalen
Barockstils. Mit Duquesnoy, genannt
il Fiammingo, sank der letzte große Meister
flämischer Skulptur ins Grab. Dann hielt
der Geist flämischer Kunst einen langen tiefen
Schlaf. Es kam der Klassizismus des 18. Jahrhunderts
mit dem Versuch, die klassische
Kunst der alten Griechen wiederzuerwecken.
Aber man kam nicht über die Nachahmung
der Aeußerlichkeiten hinaus, und die römischen
Werke, die man allein kannte, hatten wenig
von dem Geiste, den man zu fassen meinte,
so war es kein Wunder, daß der wahre Geist
griechischer Kunst in den neuen Schöpfungen
vollständig fehlte. Man lebte wieder einmal
in dem alten Irrtum, man könne eine lebendige
Kunst durch Nachahmung schaffen.
Dieser Irrtum kam schon ungefähr 1850
einer kleinen Gruppe belgischer Bildhauer
zum Bewußtsein. Sie gelangten zu der Ueber-
zeugung, daß man das antike Kunstideal nur
dann erreichen könne, wenn man gewissenhaft
und eindringlich die Natur studiere.
Das taten sie denn mit zäher Beharrlichkeit.
Wie vorauszusehen, wurden die Werke dieser
jungen Bildhauer zuerst von den Salons und
Die Kunst für Alle XXII. 3. 1. November 1906.
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