Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 15. Band.1907
Seite: 69
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-^s£> BELGISCHE BILDHAUER DER GEGENWART <^^p-

von Geefs und de Groot die handwerksmäßigen
Arbeiten, während er zugleich in der
Akademie sich als Künstler auszubilden suchte.
Als er 26 Jahre alt war, wurde ein reicher
Mäcen auf ihn aufmerksam; dieser trug ihm
auf, einen Entwurf — Szene aus der Sintflut —
in Bronze auszuführen und damit war der
junge Künstler der drückenden Sorgen für
alle Zeiten ledig.
Er ging auf zwei
Jahre nach Paris
und studierte
undarbeitetemit
einem wahren
Feuereifer. 1882
trat er in Van der
Stappens Atelier
ein, wo damals
auch Paul Du-
bois, Lagae u. a.
studierten; im
gleichen Jahre
gewann er den
Rompreis. Rom
vermochte indes
seinem künstlerischen
Empfinden
nichts zu
bieten, im Gegenteil
, er geriet
in einen solchen
Gemütszustand
, daß er
nach Hause zurückkehrte
und
von der Regierung
die Erlaubniserwirkte
,den
Rest seiner Stipendiatenzeit
in
Paris zu verbringen
, wo er
wiederum mit
wahrem Feuereifer
arbeitete.
Charlier ist erst
auf einigen Umwegen
zu seiner
ureigensten

Kunst gelangt. Zunächst hielt er sich ängstlich
an die klassische Ueberlieferung, an das
Technische seiner Kunst, nur erst allmählich
erwachte in ihm — bei seinem zweiten
Pariser Aufenthalt — der Sinn für den ausgesprochenen
Realismus. Bezeichnend hierfür
ist die schone Gruppe „Das Gebet, Mutter
und Kind," die er 1886 ausführte. Drei Jahre
später gewann er den Preis in dem Wett-

GU1LLAUME CHARLIER

bewerb um das Denkmal für den Maler Gallait
für Courtrai. Die Auffassung des Standbildes
ist so originell, daß es bei seiner Enthüllung
im Jahre 1891 einen wahren Sturm der Begeisterung
in Tournai erregte. Charlier hat
den berühmten Maler in ganz familiärer Weise
in seinem Sammetkäppchen und in seiner
Arbeitsjacke dargestellt, wie er mit der Palette

inderHand eben
ein paar Schritte
zurückgetreten
ist, als wollte er
die Wirkung des
letzten Pinselstriches
beobachten
. Einige
Reliefs am Sockel
stellen die

Hauptszenen
aus Gallaits Leben
dar. Ein
wahrhaft lebensvolles
Denkmal!

Endlich fand
Charlier sein eigentliches
Wesen
, das sich aus
scharfer Naturbeobachtung
und tiefer Empfindung
zusammensetzt
. Wahrheit
und Mitleid
allein nähren

fortan seine
Kunst. „Er beobachtet
den Arbeiter
, späht in
den Straßen umher
, steht aufmerksamen
Auges
am Ausgange
der Kirchen,
der Hospitäler,
Herbergen und
Stiften,kurz man
findet ihn überall
, wo das moralische
oder physische
Leiden der armen Proletarierfrau die
Wunden kümmerlichen Elends sehen läßt."
Und die gefundene, wohl beobachtete Szene
stellt er in voller Aufrichtigkeit dar, ohne im geringsten
nach Verschönerung seiner Modelle zu
streben, im Gegenteil, er bemüht sich, sie durch
die Kraft des Empfindens, die eindringliche
Beobachtung und die stumme Beredsamkeit
ihrer Innerlichkeit in ihrer Wirkung möglichst

DAS GEBET

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