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-^4sö> AUS DEN BERLINER KUNSTSALONS <^^~
Künstler der Versuch Karl Hofer's, sich als Original
zu präsentieren! Marees, dem er ersichtlich
nacheifert, Michelangelo und Puvis, die ebenfalls bei
seinen Bildern Gevatter gestanden, werden in ihren
seligen Höhen kaum entzückt sein über diesen Nachfolger
, der den sicheren Boden der Naturanschauung
verläßt, um in einer faden Art die Mythologie wieder
lebendig zu machen. Es soll nicht geleugnet werden,
daß die auf den Ton verblichener Fresken zurückgestimmten
Farben Hofers harmonisch wirken, daß
er in einigen Fällen einen guten Sinn für die Form
und Funktionen des menschlichen Körpers verrät;
aber was er dem Beschauer von >Adam«, den er
am sonnigen Meeresstrande, ein Palmenblatt als
Sonnenschirm benutzend, darstellt, zu sagen hat, ist
bitter wenig, außerdem schlecht gesagt. Und daß
er den verliebten Mars als Chinesen mit einem
Metallhut malt, wie er der nackt auf seinem Schoß
sitzenden Venus den Busen tätschelt, mögen ihm
die Olympier verzeihen. Erfreulich ist der Anblick
nicht. Von derselben Art ist eine Susanna, die vor
einem graugrünen Vorhang sitzt, den der gleiche
Chinese in einen weißen Malkittel gekleidet, öffnet.
Am ehesten kommen die guten Gaben Hofers noch
in dem Bilde zur Geltung, das zwei weibliche Gestalten
, eine liegend, die andere stehend und sich
ein paar magere Zöpfe flechtend, am Meeresufer
darstellt. Da sieht man, daß der junge Künstler
etwas gelernt hat; obschon der Sinn dieser abstrakten
Kunst so frostig, wie möglich ist. In Leonid Pasternak
lernt man einen geschickten, aber nicht besonders
originellen Illustrator kennen, der sich auch
als Porträtmaler versucht, ohne über ein gewisses
Pariser Schema in Farbe und im Arrangement fortzukommen
. Seinen Zeichnungen ist ein starkes
sachliches Interesse gesichert, indem er darin die
jetzt so aktuellen russischen Elendszustände schildert
und von Tolstois Person und Leben zu berichten
weiß. Nach jahrzehntelanger Pause meldet sich hier
auch einmal wieder der hochbegabte Christian
Rohlfs zu Wort. Wenn ihn seine Uebersiedelung
nach Hagen als Menschen gefördert haben mag —
als Künstler ist er in der neuen, ihm viele Anregungen
gewährenden Umgebung kaum gewachsen.
Hatten ihm einst ein paar flüchtig gesehene Bilder
Monets Gelegenheit zu einer höchst eigenartigen
Entwicklung gegeben, so hat ihn die Bekanntschaft
mit den Bildern der Neoimpressionisten und van
Goghs nicht eben gefördert. Ueber die Techniken
seiner neuen Vorbilder verfügt er ohne Zweifel
durchaus souverän; aber er vermag leider nicht,
deren Geschmack aufzubringen, und da es ihm versagt
ist, in der neuen Art Stimmungen auszudrücken,
geht von seinen Erzeugnissen nicht mehr die bezwingende
Wirkung aus, die seine älteren Arbeiten
in so hohem Maße besaßen. Wenn die Technik nicht
widerspräche, könnte man glauben, in einem der hier
ausgestellten Bilder, dem > Freiligrathhaus in Soest«,
trotz der größeren Auffassung, ein Werk Walter
Georgis vor sich zu haben, so kalt sachlich ist dieses
alte Fachwerkhaus mit seinen vielen Fenstern, seinem
roten Dach, mit seinen grünen Läden und seiner
zierlichen Palmettendekoration wiedergegeben. Angenehmer
in dieser Art ist eine >Gasse in Soest<.
Wieviel Talent in Rohlfs steckt, sieht man, trotz der
überaus starken Anlehnung an van Gogh vielleicht
am deutlichsten an dem »Patrizierhaus« getauften
Bilde eines niedrigen, von Wein umsponnenen Landhauses
, von dem doch so etwas wie Stimmung ausgeht
und das eine schöne dekorative Wirkung ausübt
. Wie originell Rohlfs, bevor er in dieses neue
Fahrwasser geriet, einst war, in Technik sowohl als
in Anschauung, bezeugen hier zwei kleinere ältere
Landschaften aus seiner Weimarer Zeit, die in ihrer
hoffnungslosen Melancholie einen starken Gegensatz
zu den nüchtern hellen Arbeiten der neuen Periode
bilden. Direkt unerfreulich sind einige Blumenstilleben
, weil bei ihnen der Mangel an Geschmack
am auffälligsten sich äußert. — Man kann es lächerlich
finden, daß Charles Palmie sich so schnell
von einem Dachauer in einen Impressionisten verwandelte
; indessen man muß anerkennen, daß er
sich nicht schlecht in den neuen Zustand gefunden
hat. Als Vorkämpfer gegen überlebte Münchner Malmoden
wird er ebenso gute Dienste tun wie als
Maler, der dem Publikum eine diesem noch nicht
geläufige und verständliche Kunstform näherbringt.
Und wenn Palmie auch hier und da, besonders in
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