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~^^> BELGISCHE BILDHAUER DER GEGENWART <^=^
ist, bei seinem
Tun erfolgreich
die volle Kraft
einzusetzen, ohne
daß ihn die Aufgabe
überwältigt.
Es gibt eine Sorte
von Menschen,
die nichts von erhabener
Weltanschauung
wissen,
die im Arbeiter
nur den Stumpfsinn
, das Herabgedrückte
, das
Elend, die Gewöhnlichkeit
usw.
sehenundnurdies
dargestellt sehen
wollen, für diese
ist natürlich die
Kunst Meuniers
nicht berechnet.
Wollen wir sehen
, wie stark und
fest Meunier im
Boden des Naturstudiums
wurzelte
, so brauchen
wirnurseinen„In-
dustriearbeiter"
mit dem „Säe-
mann" zu vergleichen
. Wie er dort
die emporgereckte, hier die vorgebeugte Wuchsform
in strenger Einheitlichkeit in allen Körperteilen
durchbildet, wie er z. B. bei dem
Landmann die steil abfallende Nackenschulterlinie
, den breiten Rücken, die flache Brust,
die Verschiebung der Körperachse, der Schulter-
und der Brustspitze usw. naturgetreu bildet,
das ist das Entzücken jedes Kenners des
menschlichen Körpers. Aber das sind nur
die selbstverständlichen Voraussetzungen von
Meuniers Kunst. Denn Meuniers Kunst war
im übrigen nichts weniger als ein Naturalismus
, der seine Stärke in peinlicher Nachbildung
aller Einzelheiten suchte. Er schuf
im großen Stil, das Unwesentliche unterdrückte
er, der Gehalt war ihm die Hauptsache. Ja,
er verfuhr in der Durchbildung - namentlich
der Gewandung — einigermaßen impressionistisch
, so daß man an Rodins Weise gemahnt
wird. Eine geniale Einzelheit seiner
Kunst besteht noch darin, daß es Meunier
meisterhaft verstand, in seinen Reliefs durch
die Formenbehandlung das stimmunggebende
Licht dem Beschauer vorzutäuschen. Auf
FERNAND KHNOPFF
dem Relief der
„Ernte" stehen
die Männer sonnig
beleuchtet wie
im freien Licht,
auf dem Relief der
„Industrie" sehen
sie aus wie vom
flackernden Licht
des Schmelzofens
beleuchtet. Diese
erstaunliche Wirkung
ist ohne
jedes künstliche
Hilfsmittel nur
durch sachgemäße
Formgebung erreicht
. Auf dem
Ernte-Relief fällt
das Licht auf grosse
, mithin glänzende
Flächen,auf
dem Relief der Industrie
herrscht
eine reiche Mannigfaltigkeit
von
Bewegungen und
verschiedenartig
gerichteten Kör-
perteilenund Gegenständen
, man
sieht viel mehr
Wechsel von Licht
und Schatten, hinzu
kommt die geflammte Behandlung des
Hintergrundes. Kein Bildhauer vor Meunier
hat unseres Wissens etwas ähnliches im Relief
versucht.
Welcher Kraft und Tiefe der Charakteristik
Meunier fähig war, davon zeugen ziemlich
alle seine plastischen Werke, für die Innerlichkeit
der Empfindung sprechen vor allem
„die Mutter an der Leiche des Sohnes" (das
Grubengas), „der Gekreuzigte" und „der Verlorene
Sohn", welch hohes Schönheitsgefühl
in ihm lebte, bezeugen der stehende Bergmann
im Relief der Industrie, der Pferdehalter
im Hafen- und der Lichtabblender im Ernterelief
. Möge das belgische Ministerium der
schönen Künste endlich die Ehrenpflicht erfüllen
, Meuniers Meisterwerk, sein Denkmal
der Arbeit in echtem Material würdig und groß
aufzustellen. Es tut diese Verpflichtung um
so mehr als es das Angebot des Dürerbundes
dies in Deutschland zu tun zurückgewiesen hat.
Die belgische Plastik der letzten zwanzig bis
dreißig Jahre ergibt im ganzen ein glänzendes
Bild erfolgreichen künstlerischen Schaffens.
SIBYLLE
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