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-^5^> CLAUS MEYER <^b~
Am bekanntesten, schon durch die Zahl
seiner Schöpfungen, ist Claus Meyer durch die
Wiedergabe stiller, weltabgeschiedener Szenen
kontemplativer Art geworden. Ob er uns in
die stille Klause des Klosterbruders, in den
dämmerigen Winkel einer Fischerkneipe, in
die behagliche Kemenate der Nonnen oder in
das sonnige Zimmer eines jungen Mädchens
führt, immer zeigt er uns in diesen traulichen
Eckchen und Fleckchen die Menschen mit ihrer
Umgebung so verwachsen, daß wir, die wir als
Zuschauer in die behaglichen Räume treten,
uns eins mit ihren Bewohnern fühlen und unwillkürlich
an ihrem Tun und Treiben Anteil
nehmen. Wir lauschen dem Gesänge der musizierenden
Beguinen, haben unsere Freude an
der so wichtig erscheinenden Unterhaltung der
Bierbankpolitiker, ergötzen uns an dem animalischen
Behagen der trinkenden und rauchenden
Epikuräer und blicken mit dem gleichen
heiligen Eifer in die aufgeschlagenen Folianten,
wie der vor ihnen sitzende, ernste Gelehrte,
ohne und das ist die Zauberkraft dieser
lebendigen Kunst daß es uns sonderlich
Mühe macht, unsere Stimmung auf denWechsel
des Gebotenen einzustellen. Es packt uns alles
CLAUS MEYER
und jedes auf diesen köstlichen Genrebildern,
weil sie vom Herzen kommen und zum Herzen
gehen; sie erscheinen uns so wahr, weil sie
wahrer Empfindung ihr Entstehen verdanken.
Wie himmelweit diese Kunst von der landläufigen
Genremalerei entfernt ist, lehrt der
erste Blick auf die Abbildungen in diesem
Hefte. Zwar steckt Claus Meyer seine Figuren
in Kostüme vergangener Zeiten und stellt sie in
ein Interieur, zu dem er sich die Motive aus Holland
oder Belgien oder sonstwo hergeholt hat,
aber da ist auch nicht die kleinste Einzelheit, die
uns aus der Illusion, daß wir ein wirkliches Geschehnis
vor uns haben, herausreißen könnte.
Die Figuren sind Menschen, Menschen von
Fleisch und Blut wie wir, und wenn wir genauer
zusehen, entdecken wir uns gar selbst
in ihnen, in Stimmungen, die uns lockende
Bilder aus Erlebtem und Erträumtem vorgaukeln
. Claus Meyer hat sich mit einem
wunderbaren Anpassungsvermögen in den Geist
der vergangenen Jahrhunderte, aus denen er
seine Stoffe nimmt, hineinzuleben gewußt.
Eine wahre Sammlerfreude an altem Hausrat
und an den zierlichen Feinheiten kunstgewerblicher
Erzeugnisse aus Mittelalter und Renaissance
, lacht uns aus jedem
Bilde an, eine Freude, die
ihn, als Beigabe zu ihren
subtilen farbigen Tonge-
bungen, die holländischen
Kleinmaler des 17. Jahrhunderts
gelehrt haben. Wie für
sie, gibt es für ihn nichts,
was ihm nicht malenswert
erschiene; wie sie — und
wie in neuerer Zeit Menzel
— versteht er es, den unbedeutendsten
Gegenständen
Reize abzugewinnen,
aber nicht aus Interesse
an Aufbau und Struktur,
sondern lediglich des individuellen
Zusammenklangs
wegen, in dem sie mit der
Gesamterscheinung des Bildes
zusammengehen. Die
Freude an den Kunstschöpfungen
der Vergangenheit
ist Claus Meyer in
Fleisch und Blut übergegangen
; sie ist mit seinem
fortschreitenden Können
gewachsen. Zwar hat er als
Knabe unter dem Eindruck
der großen Kriege für seine
ersten Kompositionsversuche
Schlachtenbilder geliebt
LESENDER JUNGER MANN
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