Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 15. Band.1907
Seite: 119
(PDF, 164 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_15_1907/0157
^Ssö> MALER UND KÜNSTLER -<^^

daß das rein Handwerkliche in der Malerei,
sofern es sich nämlich um gute Malerei
handelt, noch nicht in den Begriff „Kunst"
falle, der ist gewaltig im Irrtum. Mit einer
solchen Aesthetik — und sie war lange genug
die herrschende — kommt man nicht
weit. Um dieses Handwerkliche zu leisten,
immer gute oder gar beste Malerei vorausgesetzt
, dazu gehört ein unendlich feiner, ein
unendlich gesteigerter Sinnenapparat. Wer
darüber mit Sicherheit verfügt, ist ohne weiteres
ein Künstler, d. h. er gehört zu der Art
höherer Handwerker, die in unseren Sprachen
Künstler genannt werden im vornehmsten
Sinn des Wortes. Die italienischen Schriftsteller
des 16. Jahrhunderts bezeichnen noch
Kunst und Handwerk meistens mit demselben
Wort, und so nennt auch unser gemeiner
Sprachgebrauch den gewöhnlichen Handwerker
einen Künstler, sobald er in seinem Handwerk
Vorzügliches leistet.

In diesem Sprachgebrauch des Volkes steckt
mehr Philosophie und Begriff der Kunst als
in der oben bezeichneten Aesthetik. Handwerk
und Kunst — arts et metiers - die
gehören verwandtschaftlich zusammen. Nicht
Kunst und Wissenschaft. Diese beiden sind
feindliche Mächte. Nur ganz Reiche und
Mächtige, nur seltene Ausnahmemenschen
können die beiden gleichzeitig ohne Schaden
und Gefahr zu Freunden haben.

Mit dem Handwerklichen in der Kunst darf
man nicht die handwerkliche Kunst verwechseln
, wozu z. B. die große Masse aller
heutigen Malerei gerechnet werden muß, und
die dann entsteht, wenn Menschen mit roher
Handwerker-Organisation sich mit künstlerischen
Aufgaben befassen, — was bei wirklichen,
einfachen und naiven Handwerkern, in ländlichen
Verhältnissen etwa, manchmal etwas
Rührendes haben kann, aber als Massenerscheinung
unserer Städte, und in Verbindung
mit bornierten Prätentionen, eine Vergiftung
unseres Kunstlebens und eine Fälschung
unserer ganzen Kultur bedeutet.

Nur wenn man das Handwerkliche in der
Kunst als bereits vollgültige künstlerische
Tätigkeit begreift, wird man gewissen Wertungen
der wohlberatenen Kunstgeschichte
und Aesthetik nicht verständnislos und ratlos
gegenüberstehen; nur unter dieser Voraussetzung
wird man z. B. ein vorzüglich gemaltes
Stilleben eine Nadelbüchse, sagt
Meier-Gräfe — als ein hocherfreuliches Kunstwerk
empfinden und würdigen können.

Also wir sind durchaus der Meinung: eine
vortrefflich gemalte Nadelbüchse kann für
den, der die Kunst ehrlich empfindet, durch-

1

aus ein hocherfreuliches Kunstwerk sein.
Aber gewiß nicht erfreulich wäre es, nicht
wahr, wenn die Maler zu aller Zeit nichts
gemalt hätten als Nadelbüchsen oder Kohlstrünke
, oder Schweinsrippen. Und also:
kommt es, horribile dictu, doch auch darauf
an, was ein Künstler malt. . .

Aber ich mag gern zu Ende gehört werden
, und darum will ich, damit mir empfindliche
Aestheten hier nicht entrüstet davonlaufen
, schnell hinzufügen: Ja, gewiß, die gemalten
Sachen sind gleichgültig; ob eine
Nadelbüchse, oder ein ganzer Olymp von
Göttern oder Himmel von Heiligen, gewiß,
sie sind gleichgültig — ihrer selbst wegen.
Aber sie sind nicht gleichgültig des Künstlers
wegen.

Und damit steht es so: Ein Maler — wenn
er es kann — kann nicht nur malen, und
uns damit, nämlich mit dem Malenkönnen
schlechtweg, in ein künstlerisch sinnliches
Entzücken versetzen; er kann noch etwas
mehr. Er kann etwas ganz Wunderbares,
etwas fast Unglaubliches. Er kann, mit seinem
Malkönnen, uns die Welt offenbaren, die er
im Busen trägt. Etwas weniger verdächtig
ausgedrückt: er kann uns offenbaren, wie die
Welt sich in seinem Kopf und Auge spiegelt.
Wie er die Welt sieht und empfindet, sein
Weltbild, seine (sinnliche) Weltanschauung, mit
seinem Malenkönnen kann er sie ausdrücken
und uns daran teilhaftig machen. Und dazu
ist es keineswegs gleichgültig, was er malt.

Mit jenem unendlich verfeinerten und gesteigerten
Sinnenapparat, kurz mit dem Malenkönnen
im strengsten Sinn — das sei ausdrücklich
wiederholt • ist der Maler und
Künstler gegeben; ob er auch nur eine Nadelbüchse
male, er wird uns künstlerischen Genuß
bereiten.

Aber er wird sich damit nicht immer begnügen
wollen. Er wird sich besonders dann
nicht damit begnügen, wenn er zu jener Feinheit
und Gesteigertheit der Sinne eine ebenso
gesteigerte außerordentliche Intelligenz hinzubringt
, wenn er, mit anderen Worten, eine
hochgesteigerte außerordentliche Gesamtpersönlichkeit
ist und sein Genius ihn versichert,
daß seine (sinnliche) Weltanschauung keine
alltägliche, sondern eine außerordentliche ist,
deren Offenbarung andere in ihrem Empfinden
und Erleben der Welt in einer Weise bereichern
kann, in Höhen und Tiefen, wie es
durch kein anderes Mittel möglich ist.

Bei Gott, ein solcher wird sich nicht damit
begnügen, Nadelbüchsen zu malen und blutige
Schweinsrippen; er wird sich damit schon überhaupt
nicht abgeben, als höchstens, wie z. B.

9


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_15_1907/0157