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VON AUSSTELLUNGEN
UND SAMMLUNGEN
BERLIN. Ein seltsam ungewohntes Bild ist es, das
sich uns in den Räumen der Firma Friedmann
& Weber in der Königgrätzerstraße darbietet. In
den meisten anderen Ausstellungen ein Zurückweichen
bis zur gegenseitigen Wand, damit die Augen
aus den wilden Pinselhieben überhaupt ein geschlossenes
Bild zusammenziehen
können,
hier ein liebevolles
Sichbücken und
Sichbeugen, um das
Auge nur ja recht
nahe zu bringen, ein
graziöses Hantieren
mit Lorgnetten und
Lupen, um nur ja
kein Strichelchen zu
verlieren. Ist sie ein
tieferes Zeichen der
Zeit oder lediglich
eine vorübergehende
Laune, diese Vorliebe
für Miniaturen,
die 1905 in Wien, im
vergangenen Sommerin
Paris und nun
in Berlin umfangreiche
Ausstellungen
gezeitigt hat? Das
erstere erscheint weder
sehr glaubhaft
noch wünschenswert
. Nur mit verschwindenden
Ausnahmen
können diese
Werkchen mit der
großen Kunst in
Wettbewerb treten.
Weitaus die meisten,
und darunter manche
sehr bewunderte
, würden in
der Vergrößerung
als ausgemachter
Kitsch erscheinen.
Aber das Publikum
betrachtet sie jaauch
gar nicht wie Werke
der großen Kunst,
sondern wie Bijouterien
. Das rein artistische
Vergnügen
an der feinen Arbeit
ist es, das uns mit
Wohlbehagen erfüllt
. Wir bewundern
die an Uhrmacherarbeit
erinnernde
Sicherheit, mit der bald aus feinen Strichlein, bald
aus flockigen Tüpfelchen ein lebendiges Konterfei
hergestellt, zarte Wangen und sprechende Augen,
Seide und Spitzen wiedergegeben sind. Und dazu
kommt als zweites der anheimelnde, liebenswürdige
Zug, der uns aus diesen Bildnissen aus Großmutters
und Urgroßmutters Zeit entgegenweht, die altvaterischen
Kleider und Haartrachten. Dank der hingebenden
Arbeit des Assistenten am Märkischen Museum
, Dr. Fritz Wolff, der Unterstützung durch hervorragende
Kenner und Kunstfreunde und dem be-
REI NHOLD BEGAS
reitwilligen Entgegenkommen der Sammler ist es
der unternehmungslustigen Firma, die ja jetzt auch
das Hohenzollern-Kunstgewerbehaus erworben hat,
gelungen, eine Ausstellung zusammenzubringen, die
mit ihren gegen 1300 Nummern zwar keineswegs
die ganze Geschichte des Miniaturbildnisses erschöpft
, aber von der Blüteperiode in der zweiten
Hälfte des 18.Jahrhunderts bis zu dem Niedergang
und Aussterben um 1840 ein vortreffliches Bild
und von den früheren Epochen charakteristische
Proben gibt und sich
somit ihren Vorgängerinnen
würdig an
die Seite stellt. Aus
Berlin haben unter
anderen Exzellenz
von Dirksen, Konsul
Eugen Gutmann
, Hofantiquar
van Dam, Oberfinanzrat
Mueller,
James Simon ihre
Sammlungen hergeliehen
. Noch reichlicher
flössen die
Quellen aus Wien,
von wo Alfred Straßer
allein über 300
Stück und neben ihm
die Herren Gottfried
Eißler, Kaiserlicher
Rat Flesch, Dr. Gustav
Jurie, Dr. Ulimann
, Simon Ritter
von Metaxa kostbare
Kollektionen
gesandt haben. Besonders
in der Eiß-
lerschen Sammlung
lernt man die Wiener
Künstler von
1830, Waldmüller,
Alt, Kriehuber, Daf-
finger, gut kennen.
Aber auch aus Hamburg
, Köln, London
und anderen Städten
wurde manches kost
bare Stück beigesteuert
. Leider fehlen
einige der berühmtesten
Künstlernamen
, wie die
beiden Oliver, und
bekommt man auch
von Peter Adolf Hall,
dem »van Dyck der
Miniaturmalerei«,
dem nicht minder
berühmten Engländer
Cosway und dem
größten Deutschen,
Heinrich Friedrich Füger, nur eine unzureichende
Vorstellung. Bleibt so einer zweiten Ausstellung noch
vielerlei vorbehalten, so soll der jetzigen ihr hoher
Wert als Anregerin zum Studium eines Gebietes, von
dem manche bis vor kurzem keine Ahnung hatten,
keineswegs abgesprochen werden. Eine Erneuerung
dieser Kunst, wie sie z. B. Emil Orlik versucht hat,
wird allerdings schwerlich daraus hervorgehen.
Bei Schulte haben außer dem Märkischen
Künstlerbund zwei Dänen Einkehr gehalten, der in
Deutschland mehr durch seine Bizarrerien als durch
MUTTER UND KIND
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