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-^ö> DIE KLASSISCHE BILDNISKUNST IN ENGLAND <^=^
Es sind in der Tat die beiden, an die man
zuerst denkt, wenn von der Kunst dieser
Zeit die Rede ist. Wer der größere von ihnen
gewesen, diese Frage, die man noch vor kurzem
ohne Zaudern zugunsten des ersten beantwortet
hätte, wird jetzt meist ebenso rasch
für den andern entschieden. Vielerlei spricht
dabei mit, nicht zuletzt der Umstand, daß
Reynolds bis zuletzt bewußter Klassizist, begeisterter
Akademiker gewesen ist, während
man in Gainsborough den unabhängigen Künstler
, den „Sezessionisten" verehrt. Aber dabei
vergißt man, daß dieser, der schon in Ipswich
und Bath bedeutende Summen verdient hatte,
in London als großer Herr auftrat, der allein
6000 Mark jährlich für seine Wohnung verausgabte
, und daß er der bevorzugte Maler
des Königs und des Hofes wurde, und ebenso,
daß, wenn Reynolds sich ganz als Abkömmling
der großen Alten fühlte, Gainsborough
THOMAS GAINSBOROUGH
außer van Dyck auch Tizian, Velazquez und
Murillo kopierte. Will man ernsthaft einen
Vergleich zwischen ihnen ziehen, so muß man
zunächst alle unbedeutenden Leistungen ausschalten
, was bei Gainsborough allerdings
wesentlich leichter ist, da dieser nur etwa
200, Reynolds dagegen mindestens 700, angeblich
sogar 2000 Bildnisse gemalt hat. Auch
muß man Aehnliches, nicht Heterogenes miteinander
vergleichen. Wenn man Gainsboroughs
strahlendheiteren „blauen Knaben" und Reynolds
' als michelangeleske Sibylle drapierte
Mrs. Siddons (s. Abb. S. 161) miteinander vergleicht
, die zufällig in derselben Sammlung
einander gegenüberhängen, so ist es, als wenn
man aus den lieblichsten Gretchenszenen und
der Braut von Messina Schlüsse auf das Verhältnis
Goethes zu Schiller zöge. Kommt
man vom Blue Boy, so schwört man, daß
Reynolds nie eine so vornehme Harmonie
kühler Töne zustande gebracht
habe, und vor dessen
Gräfin Albemarle (s. Abb.
S. 168) meint man, daß kein
Gainsborough an diese Delikatesse
grauerTöne heranreiche
. Die Ansicht, daß
Reynolds durchgängig wärmer
gemalt habe, wird bei
genauerem Studium überhaupt
gründlich zerstört.
Gainsboroughs Mrs. Robinson
(s. Abb.S. 163) erscheint
als der denkbar höchste Ausdruck
weiblicher Anmut und
wird doch von Reynolds1
NellyO'Brien(s. Abb.S. 155)
fast übertroffen. Jener ist
uns als natürlicher, ungezwungener
, frischer im Gedächtnis
, aber es gibt hundert
Bildnisse von dem andern
, die ebenfalls diese Vorzüge
besitzen, und umge-
kehrthatGainsborough auch
eine ganze Anzahl recht gekünstelte
gemalt. Gainsborough
scheint in seiner
letzten Periode eine unübertreffliche
Eleganz und Leichtigkeit
des Vortrags zu besitzen
— seine Hand ist so
leicht wie der Zug einer
Wolke und so schnell Wiedas
Aufblitzen eines Sonnenstrahls
, heißt es von ihm -
aber ich kenne Bildnisse von
dem Rivalen, die mit einem
DER MORGENSPAZIERGANG
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