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-^3tf> DIE KLASSISCHE BILDNISKUNST IN ENGLAND <^=^
danken seine Bilder denn auch ihre ausgezeichnete
Erhaltung, während Reynolds durch
sein fortwährendes Suchen nach neuen Rezepten
, seine „Farbenküche", einen großen
Teil seiner Werke einem frühzeitigen Ruin
entgegengeführt hat.
Raeburn ist recht eigentlich ein Maler von
Charakterköpfen. Das Licht ist bei ihm nicht
grell, sondern diffus wie bei Rembrandt, aber
mit großer Kraft auf dem Antlitz gesammelt;
das Beiwerk spielt im allgemeinen eine weit
geringere Rolle als bei den andern. Da er
die Figuren ja doch einmal nicht im Freien
malte, so wollte er auch nicht Phantasielandschaften
um sie herum malen, wie sie Gains-
borough aus dem Aermel schüttelte. Allerdings
gibt es auch bei ihm so viele derartige
Bilder, daß man nicht von bloßen Ausnahmen
reden kann. Viele mögen von den Bestellern
von vornherein so gewünscht worden sein,
bei manchen aber ist die Milieuschilderung
dem Maler selbst offenbar zur Charakterisierung
, wenn nicht notwendig, so doch dienlich
erschienen. So bei dem in grauem Rock
und gelben Hosen mit seinem Hund auf dem
JOSHUA REYNOLDS
DAS ALTER DER UNSCHULD
Anschlag stehenden General Robert Ferguson
(s. Abb. S. 170), den man als ein modernes
Gegenstück zu den Jägerbildern des Velaz-
quez auffassen kann, und vor allem bei dem
prachtvollen Macnab (s. Abb. vor S. 1 53), einem
Oberstleutnant der Milizen, über den tausend
originelle Geschichten zirkulierten. Daß er
den Hochländer in seiner ungemein malerischen
Uniform ins Hochland setzte, war
beinahe selbstverständlich. Aber zuerst denkt
man bei Raeburn doch an seine Gelehrten,
hohen Beamten oder Geistlichen, die vor
einem neutralen Hintergrund sitzen oder bei
denen wenigstens nur seitlich ein wenig Landschaft
zum Vorschein kommt. Mit großem
Glück hat er bei ihnen oft eine weiße Weste
in kräftigen Gegensatz zu dem braunen Rock
und den schwarzen Kniehosen gesetzt. Zwei
der schönsten bilden wir ab, den Rev. Sir
Henry Wellwood, Pfarrer von St. Cuthbert
in Edinburg (s. Abb. S. 175), bei dem die
momentane Erleuchtung bei der Vorbereitung
zur Predigt in dem etwas gehobenem Kopfe
und der sprechenden Handbewegung fast
dramatisch zum Ausdruck gebracht ist, und
den Stadtschreiber John Gray
of Newholm (s. Abb. S. 165),
der mit seiner Schnupftabakdose
ein Musterbild bürgerlicher
Behäbigkeit darstellt. Nicht
minder ausdrucksvoll ist Rae-
burns Selbstbildnis (s. Abb.
S. 154) mit den großen scharfen
Augen und den feinen Lippen.
Ganz aus braunen und grauen
Tönen besteht übrigens auch
das Bildnis der beiden jungen
Ferguson (s. Abb. S. 168), bei
dem merkwürdigerweise alles
Licht auf den älteren fällt, so
daß man geradezu eine Verherrlichung
des Erstgeburtsrechts
darin hat sehen wollen.
Sehr interessant ist ein Vergleich
von Raeburns Frauenbildnissen
mit denen der beiden anderen
, zumal mit denen Gains-
boroughs — denn auch hier ist
der Gegensatz zwischen ihm und
Reynolds lange nicht so groß.
Der Unterschied liegt keineswegs
nur darin, daß er mehr
reifere Frauen, wie seine um
zehn Jahre ältere Gattin (s. Abb.
S. 171), Gainsborough dagegen
mehr jugendlich anmutige gemalt
hat. Auch hier ist bei ihm
stets das Antlitz die Hauptsache,
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