Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 15. Band.1907
Seite: 182
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_15_1907/0230
-^4sö> MAX LIEBERMANN -<^=^

Dazu, nicht um
Aehnlichkeit zu erreichen
, nicht zum
Zeichnen nach der
Natur, sondern zu
dieser Uebertra-
gung gehört Genie.
In dem Genie entdecken
wir als wesentlichen
Faktor
eine besondere Art
von Gedächtnis, die
Fähigkeit nämlich,
sich immer zur
rechten Zeit zu erinnern
, was von der
Natur zur Kunst
desMannes,der das
Bild malt, werden
kann. Hätte nun
der Schreiber des
eben zitierten Vorwurfs
wirklich
recht, daß Liebermann
zudemStern-
schen Gemälde
ohne Naturstudium
gelangt sei, so wäre
das allenfalls nur
ein Moment mehr,
um ihn zu schätzen,
weil dann sein

Künstlergedächtnis um so größer sein müßte;
keinesfalls ein Grund zur Verkleinerung.
Im Grunde tut es aber nichts zur Sache, denn
die wahre Erfindung des Künstlers liegt nicht
in der Entdeckung des Vorwurfs, sondern
in der Entdeckung der Mittel, mit denen der
Vorwurf zum gemalten Vorgang gemacht wird.
Gerade das aber ist Liebermanns bewundernswerte
Stärke, wodurch er, wenn nicht der
Größe, so der Art nach, in die Reihe der
Meister rückt, von denen wir alle Begriffe
des Malerischen gelernt haben. Wie sie versteht
er mit Farben und Strichen das Bild
des Lebens so getreu zu gestalten, daß wir
in seinen Bildern wie in der Natur wandeln.
Wohlverstanden mit Farben und Strichen.
Nicht das Gemütliche der Natur wird genommen
, um ein neues Gemütliches zu gestalten
. Es kann nicht genommen werden,
da es ja gar nicht in der Natur steckt, sondern
von uns erst hineingesehen wird. Sondern
wie der Herrgott mit seinen Dingen in einer
bestimmten Ordnung verfährt, aus deren Folge
erst unsere Freude an seiner Schöpfung erwächst
, so ist auch für das Kunstwerk die
Ordnung des Künstlers das Primäre. Was uns

MAX LIEBERMANN

in seiner Schöpfung
gemütvoll, freudig,
traurig oder weiß
Gott wie erscheint,
kommt erst durch
uns hinein. Wenn
der Künstler selbst
glaubt, daß es primär
mitspielt, so
kommt das lediglich
daher, daß er
in jedem Augenblick
Schöpfer und
Betrachter zugleich
ist, mit einem Teil
zu unserer Welt gehört
, mit dem anderen
seiner Welt,
der Kunst, in deren
Organismus einzudringen
, uns versagt
ist. Nur der

Schöpfer aber
macht das Kunstwerk
; nicht die
draußen bleibende
Betrachtung, sondern
jenes von innen
tastende Vermögen
, dem gelingt
, eine Nase mit
einem Pinselstrich,
das Auge mit einem Punkt zu machen und
das Gesicht aus einem wohl abgewogenen
Verhältnis zwischen solchen Punkten und
solchen Strichen herzustellen.

Punkte und Striche machen denn auch allein
das Gemälde. Sogar die Farbe gehört nicht
unbedingt dazu, denn auf dem modernen Gemälde
kommt das, was wir im künstlerischen
Sinne Farbe nennen, nicht in erster Linie von
der Palette her, sondern von der Bewegung
durch die Pinselstriche. Das gilt vielleicht
bei keinem Maler so sehr, wie bei Liebermann.
Er verfährt mit der Farbe nahezu willkürlich
und ist der energischste Gegner der neoimpressionistischen
Lehren. In dem Bode-
Bildnis änderte er verschiedene Male die
Farbe des Hintergrunds und der Kleidung, ohne
daß das eigentliche Wesen des Bildes dadurch
entschieden anders geworden wäre. — Aber
es trifft auch bei weniger spezifisch zeichnerisch
veranlagten Künstlern zu. Wie nicht die
Natur, sondern das Natürliche im Bilde wirkt, so
nicht die Farbe, sondern das Farbige. Das materielle
Farbenmittel kann wie hundert erlauchte
Maler bewiesen haben, aus allem, ja, wie einer
der Größten sagte, aus „de la boue" bestehen.

SPITZENKLÖPPLERIN (1882)

182


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