Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 15. Band.1907
Seite: 240
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_15_1907/0294
-*=4s£> RUDOLF KOLLER <^=^

der zeitlebens mit sich eine bezeichnende
Schaffensunzufriedenheit herumgetragen hat,
sein eigener Akademiker wurde und die großen
Taten nicht in Uebereinstimmung mit den
natürlichen Anlagen ins Werk setzte.

Das kann freilich nichts daran ändern, daß
es Ausschnitte in seinem Lebenswerk gibt,
die ihm den Namen eines großen Künstlers
geben lassen: seine Entwürfe und Frühwerke,
auf denen seine Darstellungskraft ungehemmt
durch verbildende Umstände überzeugenden
künstlerischen Ausdruck findet. Paart sich
auf solchen Bildern der Maler mit dem Tierbeobachter
, der in den sichtbaren Organismus
des Tieres wie kein anderer eindringt, so hat
man Werke vor sich, die alles Schiefe der
künstlerisch lauen und faulen Zeit, der er
als Nicht-Vollender erlag, vergessen machen.

Als Schöpfer mit solchen Taten darf Koller
seinen Anteil an den Erzeugnissen der deutschen
Kunst in den sechziger und siebziger
Jahren beanspruchen, einer Kunst, die an
Malern von seiner Ehrlichkeit noch nicht
reich war.

Als Künstler aber, dem aus dieser Zeit
nichts Ebenbürtiges an die Seite zu stellen
ist, muß er der Schweiz erscheinen, die ihm
die besten aus dem schweizerischen Empfinden
herausgewachsenen Schilderungen des Hirten-
und Hochalpenlebens dankt, die die ältere
Schweizer Kunst aufweisen kann. Weil Koller
auch dem kleinen Manne nicht schwer zugänglich
ist, so wurde seine Kunst dem Volke
geläufig: er ist einer der ersten gewesen, die
in einer Zeit, die von Kunst noch nicht viel
wußte, in der Schweiz die Aufmerksamkeit
des Publikums auf die Kunst und die Künstler
gelenkt hat. Man kann darum von ihm sagen,
daß er und sein Werk zu den entwicklungs-
stärkenden Trieben der neuen schweizerischen,
künstlerischen Kultur gehörten.

Das alles sind Verdienste, die es gerecht
erscheinen lassen, daß ein berufener Darsteller
, der Züricher Dichter und Literaturhistoriker
Adolf Frey, den Schweizern durch
eine biographische Veröffentlichung im Cotta-
schen Verlag*) ein Werk schenkte, das eine
nach schweizerischem Ermessen gegebene
Würdigung Kollers bedeutet, den Deutschen
aber, ob sie nun an Koller vorbeigehen wollen
oder nicht, breit angelegte, mit persönlicher
Farbe gemalte Kapitel aus Kollers Schaffensund
Freundeswelt gibt.

Neben Kollers dokumentarisch getreuem
Bilde stehen Böcklin, sein Jugendfreund, Gott-

*) Frey, Adolf. Der Tiermaler Rudolf Koller
1828—1895. Mit 13 Heliogravüren und 2 Originalradierungen
. Stuttgart, J. G. Cotta. Gebunden M. 8.—.

fried Keller, der dritte Maler in diesem Bunde,
den die Welt als Dichter kennt. Zwischen
den heiteren und ernsten Episoden dieses
Malerschicksals, das Koller selbst als unvollendet
und tragisch empfindet, tauchen Gestalten
, wie JakobBurckhardt, Friedrich Theodor
Vischer, der Richard Wagnersche Freundeskreis
der Wesendonck und die strengen alten
Kunstschaffer der Schweizer Lande auf, die
Kollers Lehrer und Zeitgenossen waren. Als
treuester der Treuen aus Kollers Kreisen erscheint
Arnold Böcklin, der uns öfter wie
alle anderen Hand in Hand mit Rudolf Koller
entgegentritt. Gemeinsam mit ihm erstanden
Koller die ersten Träume und Wünsche, mit
Böcklin im Vereine ergibt sich für den jungen
Koller der erste schwere Daseinskampf, das
erste Kämpfen um den schöpferischen Weg
und die Ueberzeugung. Böcklin ist einige
Jahre vor Koller dahingegangen, ein Mann
am Ende seiner Kräfte. Koller mußte das
Martyrium eines jahrelangen Siechtums auf
sich nehmen, ehe er, als Künstler früher der
Vollkraft beraubt wie Böcklin, von einem
enttäuschungsreichen Greisenalter Abschied
nahm.

Ich begnüge mich, aus den reichen Mannigfaltigkeiten
des Freyschen Buches die Figuren
dieses Freundespaares herauszuheben.
Was uns Frey mit diesen Teilen seiner Arbeit
gegeben hat, wird vermutlich denen, die Koller
und seiner heimatlichen Bedeutung ferner
stehen, am willkommensten sein. Ergänzt es
doch das Bild Arnold Böcklins, von dem jetzt
schon so viele ungebetene Schilderungen vorliegen
durch die Erzählung eines Freundes,
dem man um so mehr glauben darf, als er dem
Künstler Böcklin als ein ehrlicher Interpret
gegenüberstand.

* *
*

.... in Düsseldorf hatten sich die beiden
kennen gelernt.

„Ein Basler, Namens Böckli, Landschafter,
ist hier angekommen", meldet Koller nach
Hause.

Aber der Landsmannschaft zum Trotz gerieten
sie anfänglich kaum in Berührung, da
Böcklin bei den Landschaftern unter Schirm er *)
saß, wogegen Koller der von dem Maler Sohn
geleiteten Figurenklasse angehörte. Zufällig
kam dann aber Böcklin Mitte Dezember ins
nämliche Haus wie Koller zu wohnen und
„hochbegabt, alle beide von strengem Fleiß,
bildungsbedürftige Landsleute, verträglich und
von bescheidenen Ansprüchen und Mitteln,
schlössen er und Böcklin sich aneinander,"

*) Schirmer, Joh. Wilh. (1802—1863).

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