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-5-Ssö> EINE MÜNCHENER KRISE «C^=^
EUGEN BRACHT
MONTE ROSA IN ABENDSONNE
„Fall Hildebrand" zu gelten hat, nun damit erledigt
wären, daß dieser eine Meister als korrekter
Gentleman aus der Affäre hervorgegangen ist.
Ja es wäre bitter ungerecht gegen Hildebrand,
wollte man sich bei der Fiktion begnügen, als ob
sich die tiefgehende allgemeine Mißstimmung
gegen ihn allein und als Person gerichtet hätte.
Es handelt sich tatsächlich überhaupt nicht um
Personen, sondern um ein System. Das erhellt
schon daraus, daß die in weitesten Kreisen
der Bürgerschaft, der Künstlerschaft, ja selbst
in öffentlichen Vertretungen und Regierungsschichten
herrschende Mißstimmung und
ernstliche Beunruhigung auch nach Klarstellung
der persönlichen Seite des „Falles Hildebrand
" nach wie vor anhält. Es kann doch
unmöglich unseren leitenden und hohen Kreisen
verborgen geblieben sein, daß eine andauernde
Verdrossenheit und Beunruhigung herrscht,
die so stark ist und so wichtige Faktoren
unseres Gemeinwesens durchdringt, daß sie
früher oder später zu einer bedauerlichen
Krise führt, wenn nicht rechtzeitig durch Reformen
entgegengewirkt wird. Wir - - und mit
uns viele hochangesehene, für Münchens Gemeinwohl
und für Münchens Kunst treu besorgte
Persönlichkeiten — halten es für völlig
ausgeschlossen, daß diese Beunruhigung sich
„von selbst" legen wird. Nein, im Gegenteil:
jeder Schritt, der unter dem gegenwärtigen
Systeme von den zurzeit im Münchener
öffentlichen Kunstleben tonangebenden Persönlichkeiten
unternommen wird, und sei er
noch so wohl gemeint, wird einem immerzu
steigenden Mißtrauen begegnen, an den „Fall
Hildebrand" wird sich bei nächster Gelegenheit
ein anderer „Fall" reihen, und schließlich
wird in der Gruppe der das gegenwärtige
System verkörpernden, zumeist hochbedeutenden
und hochverdienten Persönlichkeiten
keine mehr sein, die nicht ihren „Fall" erlebt
und dabei ein solches Maß von Mißtrauen,
offenen Angriffen und versteckten Feindseligkeiten
um sich aufgehäuft hätte, daß es ihr
nachgerade unmöglich gemacht wird, für das
allgemeine Ganze fürderhin unvoreingenommen
und ersprießlich zu wirken. Dagegen
muß unverzüglich Vorsorge getroffen werden,
nicht zuletzt im Interesse der hervorragenden
Vertreter Münchener Kunst selbst, welche
das durch den „Fall Hildebrand" unrettbar
bloßgestellte System mit ihren gefeierten Na-
Die Kunst für Alle XXII. 337 43
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