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DIE KÜNSTLERISCHE KONZEPTION
Von Dr. G. K. L. Huberti de' Dalberg
E.v. Hartmann (Phil. d.Unbewußten, I. Teil)
läßt die aktive Produktion des Schönen bedingt
sein durch die schöpferische Phantasie. Er
sagt: Das sinnliche Vorstellungsvermögen, die
Einbildungskraft oder Phantasie im weitesten
Sinne, hat bei verschiedenen Personen sehr
verschiedene Grade der Lebhaftigkeit (nach
Fechner haben die Frauen das Vermögen in
höherem Grad als Männer, und von letzteren
die am wenigsten, die abstrakt zu denken
und die Außenwelt zu vernachlässigen gewohnt
sind). Bei den höchsten Graden gibt
die Lebhaftigkeit und Deutlichkeit des Vorgestellten
dem Sinneseindruck nichts nach, wie
bei jenem Maler, der seine Modelle nur eine
Viertelstunde sitzen ließ und dann sich ihr
Bild willkürlich als auf dem Stuhle sitzend
vorstellte und danach porträtierte, so daß er
die Person, so oft er die Augen aufschlug,
in voller Klarheit auf dem Stuhle sitzen sah;
es können ferner ganze Kompositionen Aufzüge
von vielen Figuren, oder im Detail ausgearbeitete
Orchesterkompositionen monatelang
bloß in der Vorstellung herumgetragen
werden, ohne an Schärfe zu verlieren (Mozart).
Wem diese Anschauungsgabe fehlt, der kann
sich schwer einen Begriff von der Möglichkeit
umfassender einheitlicher Konzeptionen
machen. Die Erfahrung bezeugt aber, daß es
noch kein wahres Genie gegeben hat, das
diese Fähigkeit der sinnlichen Anschauung,
wenigstens in seinem Fache, nicht in hohem
Grade besessen hätte. Für frühere Zeitalter,
wo die sinnliche Anschauung noch viel mehr
geübt und gepflegt und wenig durch abstraktes
Denken unterdrückt wurde, wo der Mensch
sich noch rückhaltloser den guten und bösen
Einflüsterungen seines Genius oder Dämons
hingab, ist es so wohl denkbar, daß, wie an
Heiligen, Märtyrern, Propheten und Mystikern,
so auch in begeisterten Künstlern eine Verschmelzung
von willkürlicher Sinnestäuschung
oder unwillkürlicher Halluzination stattgefunden
habe, die für diese mit ihrer hehren
PHILIPP KLEIN
STRAND IN VIAREGGIO
Frühjahr-Ausstellung der Münchener Secession
Die Kunst für Alle XXII.
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