http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_15_1907/0478
ÜBER DAS KON KUR RENZ WESEN BEI KÜNSTLERISCHEN WETTBEWERBEN
THEODOR AXENTOWICZ
STUDIENKOPF
Frühjahr-Ausstellung der Wiener Secession
von der Umgebung wie von den in ihm ruhenden
Faktoren abhängig ist. Was dem Auge als Totalität
sichtbar ist, soll als künstlerische Einheit wirken.
Alle künstlerische Wirkung aber ist Wirkung eines
Zusammenhanges. Jede Einzelform muß deshalb
als ein Teil einer größeren Form empfunden sein.
Handelt es sich z. B. darum, einen Brunnen für
einen Platz zu erfinden, so ist diese größere Form
die gegebene Situation und der zu schaffende Brunnen
muß als Teil dieser gegebenen Situation gedacht
sein. Dagegen ist alles, was als Einzelding auf dem
Reißbrett oder im Atelier erfunden ist, ohne solche
Rücksicht auf die Umgebung unreal gedacht und
folglich unkünstlerisch. Es fristet nur so lange sein
Leben, als es an und für sich isoliert betrachtet
wird, bei der wirklichen Ausführung jedoch an Ort
und Stelle, wo es mit der bestehenden Umgebung
gesehen wird und wirken soll, wird es zu einem
ganz anderen.
Der Mangel dieser Einsicht hatte den größten
Einfluß auf das Konkurrenzwesen, wie es bisher
im allgemeinen betrieben wurde. Der übliche Gang
war der: Kommissionen von nicht Sachverständigen
bestimmten den Ort und Gegenstand und schrieben
den Wettbewerb aus. Künstler machten Entwürfe,
ohne sich viel um die Situation zu kümmern und
die Juroren traten nachher zusammen, um über diese
Entwürfe zu urteilen, ohne den Platz zu kennen
und ohne die Frage aufzuwerfen, ob überhaupt die
Aufgabe künstlerisch möglich gestellt ist. Was wurde
aus dem Konkurrenzwesen? Ein Schulexamen mit
Preisverteilung. Damit war die Sache abgetan. Die
Stadt bekam ihren Brunnen oder ihr Denkmal schlecht
und recht, wie es eben gerade in die Situation paßte
oder nicht. Es kam also so, daß der Wettbewerb
selbst das eigentlich Wichtige war, das eigentlich
künstlerische Ereignis, was interessierte — das Reale.
Die ausgeführte Sache kam post festum als unbedeutender
Nachakt, insoweit es sich nicht um die
Enthüllungsfeierlichkeit handelte. Die natürliche
Folge dieser Auffassung aber war die, daß der Künstler
immer mehr und mehr für die Scheinwelt dieses
Wettbewerbs seine Arbeit wirksam darzustellen
suchte. Es handelte sich ja nicht darum, für einen
Platz in Wirklichkeit etwas Gutes zu erfinden, sondern
vor allem beim Wettbewerb den Apfel abzuschießen.
Ja auch fürs Publikum war der Wettbewerb so sehr
Selbstzweck geworden, daß der erste Preisträger als
genialer Künstler weithin berühmt wurde, ohne überhaupt
etwas auszuführen, weit angesehener als der
Künstler, der ohne Konkurrenz die beste Arbeit in
die Wirklichkeit setzte. Kurzum — die Bühne, auf
der die Künstler um die Palme stritten, war nicht
die Wirklichkeit mit ihren realen Anforderungen,
sondern die fiktive Welt des Wettbewerbs.
Erst hier in München lagen die Verhältnisse so,
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