Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 15. Band.1907
Seite: 412
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_15_1907/0484
-^^> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <^=v~

Lehrter Bahnhof bietet diesmal ein so günstiges
Bild wie seit langem nicht. Wer nicht dazu verpflichtet
ist und auch nicht den unwiderstehlichen
Trieb dazu spürt, alle Seitensäle mit ihrer
unendlichen Reihe von Nichtigkeiten anzusehen,
sondern sich auf die Hauptsäle beschränkt, wird sogar
einen ausgezeichneten Eindruck mit hinwegnehmen
. In erster Linie ist dies der ungemein
rührigen Ausstellungsleitung zu danken, die ohne
Rücksicht auf die Kosten den Sälen ein freundliches
Aussehen zu geben versucht und mit Hilfe von
Bruno Möhring zum Teil auch wirklich ganz Ueber-
raschendes erzielt hat, und die es sich außerdem
hat angelegen sein lassen, durch besondere Veranstaltungen
für ermunternde Abwechslung und wohltuende
Ruhepunkte zu sorgen. Dazu gehört ein
großer Porträtsaal, der eine Auswahl ausgezeichneter
Werke der letzten Jahre und außerdem einige alte
Bilder oder Kopien von solchen enthält, ein internationaler
Saal, in dem die Belgier besonders günstig
auffallen, drei daran anschließende kleinere Säle mit
schwedischen und dänischen Bildern, ein paar Sonderausstellungen
Berliner Künstler (Artur Kampf,
Burger, Langhammer), ein intimer Raum mit einer
schönen Plakettensammlung, endlich eine von Karl
Kappstein arrangierte graphische Abteilung, aus
der wieder der Wiener Ferdinand Schmutzer
imponierend heraustritt. Ein weiterer Anziehungspunkt
, eine Reihe von Räumen Bruno Pauls, des
neuen Direktors der Kunstgewerbeschule, wird erst
Mitte Mai fertig werden. Auch in den mittleren Berliner
Sälen findet sich manches vortreffliche Werk. —
Die kleineren Kunstsalons treten hinter den großen
Ausstellungen natürlich jetzt ganz zurück. Da die
Secession diesmal auf die Mitwirkung der französischen
Impressionisten verzichtet hat, stellt Cassirer
ein paar schöne Werke von ihnen und von Courbet
(darunter eine prachtvolle Skizze zum »Hallali« und
eine kräftige große Landschaft) aus. Gegenüber hat
er Landschaften von Theo von Brockhusen aufgehängt
, der auf van Goghs Pfaden wandelt, untermischt
mit schlichten Dorfbildern aus Nordwyckusw.
von Klein-Diepold. Einer der kleinen Vorräume
enthält phantastische Pastelle von Kubin, die in
der Farbe gar nicht übel sind. Gurlitt hat in dem
einen seiner größeren Säle ein paar recht wenig
interessante Künstlerinnen mit prächtigen Bildern
von Trübner, Thoma und Liebermann vereint
und bringt in dem andern eine fesselnde Kollektion
von Theodor hagen-Weimar, große, meisterlich
hingesetzte Landschaften mit prachtvollen Luftstimmungen
. Walther Gensel

MÜNCHEN. Eine Ausstellung von Werken des
PariserMalers Henri de Toulouse-Lautrec *f,
wie wir sie so vollständig nie wieder sehen werden,
ist gegenwärtig in der Modernen Kunsthandlung
an der Goethestraße (Fr. J. Brakl) ausgestellt. Sie
umfaßt mit etlichen 280 Nummern das ganze lithographische
Schaffen dieses menschlich und malerisch
so überaus merkwürdigen Künstlers. Es
gibt ihrer nicht wenige, die aus ihm auch einen
der Größten machen wollen. Vielleicht doch mit
einiger Ueberschätzung. Toulouse-Lautrec ist unendlich
interessant durch die rückhaltlose Deutlichkeit
, mit der sich in seiner Kunst das Wesen und
Leben des Menschen spiegelt, durch seine nicht zu
überbietende Meisterschaft, mit der er flüchtige Bewegungen
, schnell wieder verwischte Zustände der
Form auch flüchtig wieder festzuhalten weiß. Eine
feste, eine im akademischen Sinne korrekte Form
gibt er fast nie, oder wirklich nie, nie einen Mittelwert
aus den Schwingungen der Linie, immer das

positive oder das negative Extrem. Er hat eine Leichtigkeit
, Freiheit und Grazie des Strichs, die man erst
ganz inne wird, wenn man, wie z. B. im Nebenraum
bei Brakl, irgend welche andere Zeichnungen sieht
neben Blättern des Franzosen. Dann erscheint das
andere — und das Beste! ■ - durchweg drückend
schwer und materiell, unfrei, wenn man will, neben
ihm. Die andern halten sich eben an die körper-'
liehe Form, an das Stoffliche — für Toulouse-Lautrec
ist die Bewegung die Hauptsache, ja das Einzige. Er
versucht geradezu die Kraft vom Stoff zu trennen in
seiner Kunst, und versucht es mit den genialsten
Mitteln, die man sich denken kann. Was er kann
und darf, das darf und kann freilich kein Zweiter.
Eine »Schule« mit diesen Bestrebungen wäre entsetzlich
. Aber die Ausdrucksweise jedes genialen Temperaments
wird entsetzlich im Spiegel einer nachahmenden
Schule, denn was sich forterbt ist halt
doch immer nur das, »wie er räuspert und wie er
spuckt«. Bei Toulouse-Lautrec ist alles unverfälschtes
Produkt des Charakters und der Verhältnisse. Er gibt
sich ungeschminkt, oft zynisch ehrlich. Der häßliche,
verwachsene, auch seelisch ein wenig degenerierte
Sproß eines alten Geschlechtes, mit einem heißen
Lebens- und Liebeshunger begabt und dazu verdammt
, den Frauen zu mißfallen, sucht seinen Anteil
am Leben in Betäubung, im käuflichen Genuß,
in einer Umwelt, vor der ihm ekelt und die ihn anzieht
zugleich. Das Pariser Hetärentum, die Atmosphäre
der Tingeltangel und Kabaretts, das wird seine
Welt. Auch die Welt seiner Kunst! Und er schildert
sie wahrhaftig nicht lüstern und gefällig, sondern mit
einer rauhen Herbheit, die brutal wäre, würde sie
nicht gemildert durch die Eleganz und die spielende
Leichtigkeit seines Vortrags. Weniger geschmeichelt
hat dem Pariser Laster noch keiner, der es schilderte
— der Künstler Lautrec fand dann freilich auch wieder
neue Reize in diesem Kreis von Erscheinungen, wie
denn überhaupt alles Menschliche und Allzumenschliche
für den, der es ganz durchdringt, auch irgendwie
seine geheimnisvollen, besonderen, künstlerischen
Möglichkeiten in sich hat. Der Moulin rouge mit der
blonden Kokotte »La Goulue« und mit »Valentin,
dem Knochenlosen«, die Bars und Cafekonzerts, das
Leben der Straße, die Kaufläden, die Ballokale, der
Rennplatz, die Theater, die Modeartistinnen, wie die
Guilben, Mlle. Lender, Miß Loftus usw. — Alles gibt
Stoff hier für seine Improvisationen. Er zeichnet auf
den Stein so frei und unbefangen, wie ein anderer
in sein Skizzenbuch. Manchmal ist er so flüchtig, daß
man ihn kaum noch versteht. Ein vorübergehendes
Lächeln, ein Zucken um einen Frauenmund reizt ihn
und das trifft er. Der übrige Teil des Kopfes wird
widerwillig und fast kindlich unbeholfen hingesetzt.
In der Serie »Yvette Guilbert« sind Blätter, wo kaum
eine Linie auch nur ungefähr »sitzt«; aber in jedem
ist dann ein Etwas von Ausdruck, das kein Gründlicher
und Korrekter so im Fluge erhascht haben
würde. Wo er Farbe gibt, ist sie fast immer von
höchster Delikatesse und die Beherrschung des lithographischen
Materials versteht er als ein Virtuos.
Weiter vom Begriffe >Farbendruck« kann keiner sein,
als Toulouse-Lautrec. Das Köpfchen der Mlle. Lender,
das im »Pan« war, ist ein Blumenstrauß von Farbe,
so zart und duftig und vieles andere nicht minder.
Was Toulouse-Lautrec an Plakaten geschaffen hat,
gehört wohl zum Besten, was auf diesem Felde
geleistet worden ist. Wie stark sind die Affichen für
den Dichter und Kneipwirt Aristide Bruant, für den
Moulin Rouge, die Revue blanche, für Reine de Joie,
für Jane Avril usw.! Gerade hier könnte er vorbildlich
sein; die Mehrzahl unserer Plakate ist ja
immer noch so schwer und klobig und an Wirkung

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