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-^4stf> DIE KUNST ALS AUSDRUCK DER ZEIT
jeweiligen Moderichtung (und die Zeitungskritiker
sind das fast immer) sind in dieser
Beziehung groß, mögen sie nun gerade einen
brutalen Naturalismus oder hypermodernen
Nervenkitzel auf den Schild heben. Aber
auch Leuten, die tiefer in den Geist der Frage
eingedrungen sein sollten, passiert hie und
da eine solche äußerliche Anwendung des
mißverstandenen Schlagwortes. Erst kürzlich
ist es in dem Vortrag eines Mannes so gebraucht
worden, der als Museumsbeamter
mit neuer Kunst stete Fühlung hat, und ich
weiß einen Fachgenossen, der Männer wie
Genelli und Preller nicht gelten lassen wollte,
weil sie nicht der künstlerische Ausdruck
ihrer Zeit gewesen seien und dadurch die
ganze Generation „irreführten" d. h. also
doch wohl immerhin beherrschten! Bei
solcher Auffassung bleibt allerdings von der
Kunstgeschichte weder die Kunst noch die
Geschichte übrig und das tendenziöse Schlagwort
hat nicht nur die unbefangene ästhetische
Wertung, sondern auch die ruhige historische
Kritik zunichte gemacht; wer aber tiefer
blickt, der wird vielleicht gerade in Meistern
wie Genelli und Preller den echten Ausdruck
einer Zeit erblicken, die „das Land der
Griechen mit der Seele suchte", und wohl
nicht nur auf dem Gebiet der bildenden Kunst,
weil es ihr an eigenem Halt und Vorbild im
Vaterlande gebrach. Die Folgerung für unsere
Tage liegt nicht weit, ich meine: daß jemand
ein „moderner" zeitgemäßer Künstler im
besten Sinne des Wortes sein kann, ohne
Nerven, ohne Armeleutmalerei, ohne Sensation
, ohne Symbolismus, ohne Erdgeruch,
und wie die buntscheckigen schönen Dinge
alle heißen, die immer gerade von ihren Vorkämpfern
für den ganz spezifischen „Ausdruck
der Zeit" ausgegeben werden. Man soll sich
daher wohl hüten, dieses an sich gute und
richtige Wort zum tendenziösen Kampfruf zu
erniedrigen und kritiklos als Argument für
oder gegen eine bestimmte Partei zu gebrauchen
, nach dem Motto: „Wo Begriffe
fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit
sich ein." Denn wie wir sahen, ist gerade
hier die genaue und gewissenhafte Prüfung
PAUL CRODEL
Die Kunst für Alle XXII.
Sommer- Ausstellung der Münchener Secession
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FLUSS IM WINTER
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