Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 15. Band.1907
Seite: 550
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^=£> FARBIGKEIT DER PLASTIK

Hinsicht auf die künstlerische Wirkung im
Vergleich mit jenem Heer der Farblosen und
Monumentalen und Ueberlebensgroßen! Es
ist zu bedauern, daß der freie und revolutionäre
Kopf Donatellos sich die Konsequenz
seines damaligen Schrittes nicht vorschrieb.
Die Größe und Wahrheit, die er in der
plastischen Form erreichte, hätte er gewiß
auch in der Farbe erlangt; welchen Einfluß
er damit aber auf seine Zeitgenossen und
Nachfolger geübt hätte, ist gar nicht zu ermessen
, ebensowenig wie die Einbuße, die
die Kunst aus dieser Unterlassung erlitten hat.
Eine abgerissene Ueberlieferung wäre wieder
angeknüpft, oder eine starke, lebenskräftige
Wurzel dafür neu gepflanzt worden. Was
aber von der drängenden Fülle, von der Kraft

ALFRED MOHR BUTTER AM GRÜNEN BILD
Große Berliner Kunstausstellung

und Ueberkraft jenes künstlerischen Zeitalters
verlangt werden könnte, das durfte
man einem spätem, schwächeren Geschlechte
nicht mehr zumuten: es wäre ein süßlicher
Kompromiß dabei herausgekommen, der als
Vorbild eher schädlich als nützlich hätte
wirken müssen.

Die große und einzige fruchtverheißende
Gelegenheit wurde also aus unbegreiflichen
Gründen verpaßt, wenn man eben nicht die
Abhängigkeit von der Antike als zureichenden
Grund will gelten lassen. Ein Irrtum schlug
Wurzel und wuchs dermaßen heran, daß die
Ablehnung der Bemalung in der Plastik nicht
nur überlieferte Uebung wurde, sondern daß
man sogar das farblose — sagen wir das
weiße — Material, voran den weißen Marmor,
als das Material an sich, als das „edle"
Material der Plastik sanktionierte. Später
machte ein ebenfalls im Bann der Antike
befangener Bildhauer die Meinung mundgerecht
: Der Marmor ist das Leben, der Gips
der Tod. Und heute noch geht das allgemeine
Urteil ebendahin, obwohl es sich vom Standpunkt
der polychromen Plastik dabei nur um
den Unterschied zwischen gegossenem, undurchscheinendem
und gemeißeltem, trans-
parantem (weißem!) Material handeln kann.
(Denn die Frage der Dauerhaftigkeit, die aufgeworfen
und als beweiskräftiges Argument
behandelt werden könnte, bleibt ja hier außer
Betrachtung.) Die (rotbrennende) Terrakotta
geriet bei solcher rein äußerlich-koloristischer
Bewertung als Material mehr und mehr in
den Hintergrund oder verschwand völlig:
War sie, da sie das absoluie Weiß nicht besaß,
als Material untergeordnet? Oder drohte von
ihr her Gefahr, zur Farbigkeit zu verführen?
Ein gleiches ist über die Verwendung des
Holzes zu fragen. Edel blieb nur der weiße
Marmor.

Also eine Scheu vor der Bemalung aus
Ehrfurcht vor dem edlen Material? Dieselbe
Ehrfurcht scheint auch vor der Bronze Halt
geboten zu haben.

Der Drang nach Farbigkeit oder eine Erinnerung
an deren ehemalige Uebung war
aber trotz dem rastlosen Wettkampf um das
edle Weiß nicht ganz erloschen. Wo das
Volk, etwa der simple Dorftöpfer oder der
dilettierende Bauer und Handwerker aus
spielerischem Trieb mit Tonkneten und Holzschnitzen
sich befaßte, da gaben Pinsel und
Farbtöpflein dem anspruchslosen Werklein
erst Vollendung, Wahrheit und Wert. Wenn
die guten Leute geahnt hätten, was dereinst
Museumsdirektoren, Sammler, Liebhaber,
Kenner und nicht zuletzt Künstler, die den

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