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NEUE KUNSTLITERATUR
Heinrich Ludwig, Ueber Erziehung zur
Kunstübung und zum Kunstgenuß. Mit einem
Lebensabriß des Verfassers aus dem Nachlaß herausgegeben
von J. A. Beringer. Straßburg 1907, J. Ed. Heitz.
M. 6.—.
Derselbe, Schriften zur Kunst und Kunstwissenschaft
. 1. Ueber Darstellungsmittel der
Malerei. 2. Ueber Kunstwissenschaft und Kunst.
Aus dem Nachlaß herausgegeben von J. A. Beringer.
Ebenda. M. 4.50.
Wenn man den Toten, der mit diesen vorliegenden
Publikationen nachträglich zu Worte kommt, bei
Lebzeiten angehört und befolgt hätte, so wäre manches
anders geworden und wir stünden heute auf dem
Gebiete der Kunst besser und sicherer da, wie wir
tatsächlich leider stehen. Der Verfasser, Ludwig,
welcher den Kreisen von Emil Lugo, Hans Thoma,
Adolf Hildebrand u. a. in ihrer Jugend nahestand,
hat sich nicht so sehr durch seine eigenen malerischen
Schöpfungen bekannt und verdient gemacht,
wie durch die Erfindung der Petroleumfarben und
durch die Herausgabe und Uebersetzung des großen
Buches von Leonardo da Vinci über die Malerei.
Kraft seines Geistes und seiner besonderen Anlagen,
in denen sich ein großer Sinn für das praktisch und
technisch Mögliche mit einem feinen Stilgefühl und
einer hohen und idealen Auffassung der Kunst verband
, wäre er berufen gewesen, ein wirklicher Reformator
und Führer in den verfahrenen Kunstzuständen
des 19. Jahrhunderts und auch unserer Zeit
zu werden, wenn ihn nicht ein widriges Geschick,
langwieriges Krankenlager, ein zu früher Tod, und
dazu noch persönliche Anfeindungen daran gehindert
hätten. Die jetzt erst veröffentlichten Bücher sind von
ihm in den siebziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts
geschrieben worden. Sie sind zunächst
veranlaßt durch die künstlerische Not jener Tage,
die Ludwig als einer der wenigen Nichtverblendeten
klar durchschaut und tief empfunden hat. Zu seinem
Schrecken wird sich bei der Lektüre indessen der
ehrliche heutige Leser bewußt, daß diese Not in
Wahrheit noch keineswegs beendet ist, sondern eher
noch zugenommen hat. Wir tun uns etwas darauf
zugute, daß die »Düsseldorferei« von damals überwunden
ist. Bei Licht betrachtet indessen sind es,
wenn nicht dieselben, so doch gleichwertige oder
gleichminderwertige Verirrungen, Torheiten und Unzulänglichkeiten
, die unter anderem Gewände sich
heute als moderne Kunst aufspielen und uns von
einer wahrhaft großen und echten Kunst, die mit
den bedeutenden Kunstperioden der Vergangenheit
in Wettkampf eintreten könnte, abhalten. Was Ludwig
hier ausführt, wendet sich gegen das Falsche seiner
Tage wie der unserigen, denn er steht nicht auf
dem Standpunkt des >Modernen« und Modischen,
sondern auf dem des »Zeitlosen«, des Gesunden,
Natürlichen, des Unverrückbaren, natürlich Gesetzmäßigen
und deshalb immer Gültigen. So weist er
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