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-^4sö> FARBIGKEIT DER PLASTIK <^=^-
wir? Wenn mich nicht alles täuscht, wird
diese Frage bald gelöst werden. In Betracht
wird vor allem eine gute Wachsfarbe kommen,
welche die Transparenz des Marmors, wo nötig,
noch zu feiner Wirkung nützen läßt oder sie
wenigstens nicht völlig aufhebt. Es ist bei
dieser Bemalung natürlich nicht an ein bloßes
leichtes Tönen des Materials gedacht, wie
man es heute da und dort schon finden kann,
wo die tapferen Akademiker das Haar und
die Brauen einer dunklen Schönen mit Kaffeewasser
oder Tabaksbrühe anstreichen, um den
blassen Teint noch interessanter hervortreten
zu lassen; es handelt sich vielmehr um ein
entschlossenes „Farbe = Bekennen", genau im
Sinne der Maler und bis hinein zu den feineren
und feinsten Abstufungen. Solches wird
vornehmlich bei der Porträtbüste angängig
sein und ihr zu großer Wirkung gereichen;
Allegorisches sowie Vorwürfe aus der Legende
und Sage werden schon koloristische Stilisierung
zulassen, wie in der Malerei auch. Die
Monumentalplastik (nicht
gemeint die heut beliebte
Monumentsplastik!) wird
eine Hinauftreibung aller
Farben und Werte nicht
entbehren können, wobei
natürlich die Harmonie unter
den einzelnen Teilen so einzuhalten
ist, daß das Ganze
nicht auseinander zu fallen
scheint und vor allem die
Bedeutung der Silhouette
nicht beeinträchtigt wird.
Feierlichkeit: heitere, getragene
, ernste oder düstere
Feierlichkeit, je nach dem
Wesen des dargestellten Sujets
wird das Ziel der Monumentalplastik
sein: farblos
— richtiger gesagt: einfarbig
— erscheint sie weit
eher immer als der Ausdruck
stein- oder erzgewordenen
Schicksals.
Um die teure Bronze
und den Marmor nicht in
farbigen Versuchen zu verschwenden
, wird der Vorschlag
dienlich sein, sie an
Terrakotten anzustellen.
Hier wird jede Tempera anwendbarsein
. Porträtbüsten
erreichen eine kaum zu
ahnende natürlicheWirkung,
besonders wenn die Plastizität
auf der Höhe künstlerischer
Anforderung steht. Schon durch
Verwendung bunter Krokierstifte ist die Lebendigkeit
voll zu erreichen, und das Werk
erhält dadurch jenen schwachen, belebenden
und belebten Glanz, der dem Fleische eigen
ist; die Tempera wird ein leichtes Wachsen
und sanftes Aufbürsten nötig haben, um zur
gleichen Wirkung zu kommen; aber sie wird
beständiger sein. Die Anwendung von Oel-
farbe verlangt einen besonders feinen Takt; ich
fürchte, es wird, was sie auf der Leinwandfläche
auch Vortreffliches erzielt, am plastischen
Körper zu leicht als Anstreicharbeit erscheinen,
die Farbe selbst zu materiell bleiben. Und
gerade darin liegt die große Schwierigkeit
farbiger Plastik und die Gefahr ihrer Anwendung
, daß sie einen ganzen Künstler,
einen fertigen, nicht gewöhnlichen Maler erfordert
.
Die Ansprüche, die damit an den Bildhauer
gestellt werden, sind nicht gering. Ich erachte
aber, daß die größere oder geringere Mühe
HEINRICH MISSFELDT KAUERNDES MÄDCHEN
Münchener Jahresausstellung 1907
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