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-s^> ANDREAS AUBERT: GERHARD MUNTHE <^=^
Tidemands im Sinne und knüpft an Tkgners
„Frithjofs-Saga", an Welhavens Gedichte und
an Ibsens „Per Gynt" an. Und unter allen
diesen weitausschauenden Gedanken, die uns
in dem kleinen Heft entgegentreten, taucht
plötzlich - - im Jahre 1870 — die Zeichnung
eines Webstuhls auf und eines alten Wandteppichs
mit der Darstellung der heiligen
drei Könige.
Aber die meisten dieser vielartigen Interessen
mußten vorläufig zurücktreten. Die
äußeren Umstände nötigten Munthe, sich
mit einer engeren Umgrenzung seiner Kunst
zu begnügen. Wie er selbst scherzhaft sich
ausdrückte, er „mußte mit der Kunst aufhören
, um Landschaftsmaler zu werden".
Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß
ein so ausgeprägtes Künstlertalent wie Gerhard
Munthe nur halbbewußt und mehr
aus fremdem Antrieb die Künstlerlaufbahn
einschlägt. Und nicht weniger eigentümlich
ist es, daß eine Künstlernatur, die in ihrem
Gefühl so auf das Nationale gestimmt ist,
erst langsam und zögernd zum klaren Bewußtsein
des Wertes wurzelechter Heimatskunst
fortschreitet.
Von unseren norwegischen Malern hatte
bereits einer nach dem andern der europäischen
Kunst den Rücken gewendet in jenem
ersten Durchbruch nach der Pariser Weltausstellung
1878, bevor Munthe sich darüber
klar wurde, daß auch er Gefolgschaft leisten
müsse. Die naturalistische Strömung wurde
auf die Dauer zu stark; es genügte ihm nicht
länger, in der Fremde norwegische Landschaften
„auswendig" zu malen, es wurde
ihm zuwider, „so routiniert in der Komposition
zu sein". Er wollte jetzt mit der norwegischen
Natur leben, die seine innersten
Gefühle ihn trieben zu schildern.
Bald kam ihm auch das
Beispiel der dänischen Kunstbewegung
vor die Augen, als
er, 1883 zum Kommissar der
Nordischen Ausstellung in
Kopenhagen berufen, die unmittelbare
Treuherzigkeit der
dänischen Malerei kennen
lernte. Ihre Treuherzigkeit
kam über ihn wie ein Vorwurf
und bestärkte ihn in
seinem Vorsatz, fortan in
der Heimat zu leben.
Seit jener Zeit hat Munthe
dauernd in Norwegen gewohnt
, meist in der Nähe der
Hauptstadt auf dem Lande,
oft ganze Sommer in den Gerhard munthe
Gebirgstälern, und zwar mit Vorliebe in denjenigen
, die noch am meisten im Besitz alter
Kultur waren.
Bis in die neunziger Jahre arbeitete Munthe
als einer unserer hervorragendsten Landschafter
, als Freilichtmaler mit reiner Palette
in reicher und starker Entfaltung seines Könnens
. Aber die alten Erinnerungen waren
noch in ihm lebendig - - die Romantik seiner
Jugend wuchs noch in der Tiefe seines Gemüts
wie eine Wunderrose auf dem Grunde
der blauen See, während oben Tag und Himmel
und Ufer sich in der Oberfläche spiegeln.
- Und die Wunderrose tauchte auf aus der
Tiefe.
Unsere alte, gute Bauernkunst ergriff ihn
mit Macht. Ihr eigenartiger Erdgeruch, ihre
frohen Farben, ihr starker Stilsinn befruchteten
seine Phantasie von neuem. Im Vergleich
hiermit erwies sich das falsche Getändel
der städtischen Kultur doppelt ärmlich
und unwahr. Nichts war unser eigen; wir
lebten vom Darlehn; wir fühlten uns fremd
in unseren eigenen Wohnräumen. ■
In der Stille und im Verborgenen wuchsen
die reformierenden Kräfte. Im Innern der
Seele spannen sie sich zusammen mit den
romantischen Gedanken der Jugendjahre. Und
der Umschlag kam mit den neuen romantischen
Ideen in Europa und hier im Norden ;
und wie ein neuer Frühling hielten diese
Ideen ihren Einzug in Munthes Sinn und
Gedanken. Die uralte Ueberlieferung unserer
Vorzeit gestaltete sich in seinem Innern als
Dichtung, Traum, als Farbe und Form. Es
waren keine großartigen Dinge, mit denen
das dekorative Schaffen Munthes begann.
Was er schuf, hatte seinen Zweck in der
Ausschmückung des eigenen Heims; es sollte
die Augen der Gattin erfreuen. Und sie gab
am Webstuhl seinen Entwürfen
greifbare Gestalt und
Form und Farbe. Der alte,
ursprüngliche Webstuhl, den
er im Skizzenbuch seiner
Jugendjahre 1870 gezeichnet
hatte, befand sich nun in
Tätigkeit in seiner Wohnung.
Es war ein großer Verlust
für unsere Kunst, daß Frau
Sigrun Munthe die Webarbeit
bald aufgeben mußte,
da sie ihre Kräfte überstieg.
Aus diesen Anfangsarbeiten
für das eigene Haus ist Munthes
Grundlegung unserer
nationalen dekorativen Kunst
Exlibris hervorgegangen.
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