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-s^5> ANDREAS AUBERT: GERHARD MUNTHE <^=*~
GERHARD MUNTHE-LYSACKER ILLUSTRATION ZU OLAV TRYGVESÖNS SAGA
von uns Norwegern mehr und mehr bewußt
und allseitig gepflegt zu werden, - - von uns
allen.
Gerhard Munthes neue Kunst, die mit
dem Anfang der neunziger Jahre beginnt,
und die, wie wir gezeigt haben, in ihren
Grundzügen eine dekorativ gebundene Kunst
ist, hat zwar in dieser ihrer Eigenschaft ihre
Begrenzung, aber gleichzeitig auch ihre Stärke,
insofern sie ein bewußter Rückschlag gegen
die Stillosigkeit unserer Zeit und gegen die
zerstörende Uebermacht des Naturalismus ist.
Munthes dekorative Stilkunst beherrscht die
epische Darstellung und die lyrische Stimmung
bis zur Höhe pathetischen Vortrags.
Tiefere psychologische Charakteristik erstrebt
und beherrscht sie nicht. Sie geht auch nicht
darauf aus, die höchsten Anforderungen an
die Menschendarstellung zu befriedigen. Das
fühlt man sowohl in den Illustrationen zu
Snorre als auch in der „Draumkvaede",
einem Visionsgedicht des dreizehnten Jahrhunderts
, welches Munthe für den norwegischen
Buchgewerbeverein ausgestattet hat
in einer Ausgabe, die von sehr hoher dekorativer
Schönheit und dichterischer Kraft ist,
aber der religiösen Vertiefung entbehrt.
Aber die Einseitigkeit in Munthes neuer
Kunst ist doch in viel höherem Grade ihre
Stärke. Gerade sein Einsatz an neuen dekorativen
Gedanken und freischaffender Phantasie
ist es, dessen unsere künstlerische Kultur
augenblicklich in so hohem Grade bedarf. Er
gehört zu den Auserwählten, welche die Zukunft
bauen durch ihre ausgeprägte persönliche
Eigenart. Dem weltmüden und blasierten
Farbensinn Europas setzt er seine kräftige
Farbenanschauung und die ungeschwächte
Farbenfreude unseres Volkes entgegen. In
bewußtem Kampfe stellt er die Schaffenskraft
der Phantasie dem „konkreten" Sklavensinn
des Naturalismus gegenüber.
Während der Naturalismus gegenwärtig
seine letzte Kraft ausgibt, betont Munthe
die kardinalen Punkte jeglicher Kunstanschauung
: die idealen Kräfte, die sich in der
gesamten Kunstentwicklung der Menschheit
als die ewigen Grundlagen erwiesen haben.
Er erstrebt den ersten Fortschritt in dem
Rückschritt: von der Naturbeobachtung zur
Vorstellung, von dem sinnlichen Eindruck zur
Erinnerung, von der Analyse zur Synthese,
von dem Zusammengesetzten zu dem Einfachen
. In seiner männlichen Kraft ersehnt
Munthe jene Größe und Höhe, welche die
Kunst in ihren starken Zeiten besaß.
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