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,G. F. WATTS' VORREDE ZUM „KUNSTHANDFERTIGKEITSUNTERRICHT
BUCHEINBÄNDE « NACH EIGENEN ENTWÜRFEN AUSGEFÜHRT VON SCHÜLERN DER HANDWERKER- UNf
KUNSTGEWERBESCHULE ELBERFELD
G. F. WATTS' VORREDE ZUM „KUNSTHANDFERTIGKEITSUNTERRICHT
"
(Uebersetzt und eingeleitet von Frank E. Washburn-Freund)
Der im vorigen Jahre fast im tizianischen
Alterund in tizianischer Arbeitsfrische dahingegangene
Watts ist bei uns in den letzten
Jahren durch mancherlei Publikationen als der
Maler großer Ideen, vom Leben und vom Tode
„bekannt" geworden. Viele spotten seiner als
eines Zweckkünstlers, manche aber haben
schon gelernt, ihn als eine bedeutsame, noch
in die Zukunft hineinreichende Kulturmacht
zu schätzen. Wer aber weiß es, daß dieser
„Ideenkünstler", dieser „Moraltrompeter", wie
ihn wohl manche in ihres Herzens Unverstand
heißen mögen, auch das größte und
zwar aktive Interesse an jener Bewegung
nahm, in der wie in den übrigen Kunstbewegungen
England natürlich auf Grund
seiner sonstigen Entwicklung, nicht aus irgend
welchen dunklen Gründen tiefer gehender
Volksanlage oder dergleichen vorausgegangen
ist, an der „Kunst im Handwerk"?
Diese Bewegung ging in England - - wiederum
aus sehr begreiflichen Gründen — von
vornherein nach zwei Seiten hin, wodurch
sie sich von der auf unserem Boden gewachsenen
unterscheidet. Wohl galt es auch
dort, der stil- und zuchtlosen Häßlichkeit, die
sich in das tägliche Leben und alle seine Betätigungen
eingeschlichen hatte, den Krieg zu
erklären und das Verlangen nach einer würdigeren
Ausgestaltung der Umgebung des täglichen
Lebens zu wecken. Sofort aber setzte
auch schon der aus echt sozialem Geist wie
aus tiefgehendem Verständnis geborene Gedanke
ein, den Moment des Schaffens solcher
neuen Lebenskunst selbst in den Dienst eines
befreiteren und erweiterten Lebens zu stellen,
d. h. nicht so sehr allerlei Künstler der Palette
dazu zu veranlassen, sich der neuen Bewegung
tätig anzuschließen, als vor allem das
Kunstfühlen und noch mehr das Kunstschaffen
— in den hier sich natürlich ergebenden
Grenzen — in den breiten Massen des Volkes
wieder zum Leben zu bringen. Denn man
fühlte: Nicht nur könne wahre Kunst erst
dann ein gesundes, zukunftsversprechendes
Leben führen, wenn sie alle Lebenserscheinungen
durchdringe, sondern auch der gesamte
Volkskörper müsse dazu wieder künstlerisch
zu empfinden gelernt haben. Darum
traten Männer wie Ruskin, Rossetti, später
Morris, Burne-Jones, Walter Crane u. a.
als Lehrer in die Arbeiterwerkstätten ein, um
dort Hunderten, ja Tausenden die Elemente
des Kunstsehens und -wirkens zu lehren, um
den Verheerungen des von Ruskin verfluchten
Maschinenzeitalters entgegenzuwirken.
Wie hätte gerade Watts, der Mann, der seinen
Zeitgenossen vor allem innere Freiheit
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