Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 16. Band.1907
Seite: 92
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_16_1907/0106
G. F. WATTS' VORREDE ZUM „KUNSTHANDFERTIGKEITSUNTERRICHT

des Kunsthandfertigkeitsunterrichtes unter der
breiten Masse des Volkes dienen sollen. Wiewohl
ich mir meines Unvermögens bewußt
bin, dies in gefälliger Form und mit der
dazu nötigen Sachkenntnis zu tun, komme
ich dem Wunsche doch nach nur aus dem
Grunde, auf diese Weise meine völlige Ueber-
einstimmung und mein tiefgehendes Interesse
an dem Werke und all den daran Beteiligten
zu bezeugen. Ich betrachte diese Bewegung
als eine der nützlichsten unter all den modernen
Bestrebungen und bedauere nur, nicht
imstande zu sein, einen tätigeren Anteil an
ihr zu nehmen.

Jede Einrichtung, deren Aufgabe es ist,
das Leben derer lichter zu gestalten, die
Glück und Zufall nicht begünstigt haben,
sollte von all denen Ermutigung und Unterstützung
beanspruchen dürfen, die in Muße
leben oder anderweitig zu helfen in der Lage
sind. Wenn nun diese Aufgabe gar noch
darin besteht, seelische Gaben lebendig werden
zu lassen und zur Entwicklung zu bringen
Gaben, die ein besonderes Erbgut der
Menschheit darstellen, aber in unserer Zeit,
soweit der größte Teil der menschlichen Gesellschaft
in Betracht kommt, befremdenderweise
im tiefsten Schlaf liegen — so kann
solch ein Appell von niemandem überhört
werden. Wenn man diese Frage ohne alle
Enge, von einem höchsten Standpunkt aus
betrachtet, so erscheint dieser Appell nichts
geringeres darzustellen als eine soziale Pflicht,
die geradezu zu einem religiösen Gebot wird,
alles nur mögliche zu tun, um jeden nur
immer denkbaren Ausgleich für die zu finden,
deren Leben sich durch das ewige Einerlei
ihrer täglichen Arbeit so maschinenmäßig,
so leer und öde gestalten muß. Wenn
das Heim ohne allen Reiz mehr ist, wenn
die Heimat selbst keine Liebesfesseln mehr
für ihre Kinder besitzt, dann ist das Bestehen
eines Volkes in seinen Grundfesten
erschüttert. Dumpfe Unzufriedenheit, die
sich leicht zu Groll und Empörung steigert,
kann da gar schnell zu einem tätlichen Ausbruch
des angesammelten Hasses führen.
Menschen, die da fühlen, daß ihnen Gesetz
und Ordnung keinen merklichen Vorteil
bringen, werden sicher kein sonderliches
Interesse dafür entwickeln. In dem Wettrennen
um Reichtum hat man nur zu sehr
vergessen, daß der Reichtum allein weder
Würde noch auch dauernde Sicherheit zu
verbürgen vermag, keine Würde, solange
die Hauptmasse der Bevölkerung durch abstumpfende
Arbeit und schimpflich ausgebeuteten
Wettbewerb der Zuvielen auf der Stufe

erbärmlicher Niedrigkeit festgehalten wird, —
keine Sicherheit, solange sich eine Riesenzahl
unter der Last eines unbefriedigten Daseins
dahinschleppt, solange gerade die tatkräftigeren
und geweckteren Geister unsere Küsten
verlassen, um, wenn auch nicht geradezu
Feinde, so doch Söhne zu werden, die für
ihre Mutter nur sehr wenig Liebe überbehalten
, denn diese ihre Mutter hat sie ja
selbst so lieblos behandelt.

>Wir leben allzuviel der ,Welt', ob früh ob spät,
Vergeuden unsre Kraft im Greifen und Verschwenden
, c

So schrieb Wordsworth vor fünfzigjahren,
und diese Richtung, die unsere Tatkraft eingeschlagen
, diese Strömung, in der sich die
Tätigkeit aller bewegt, die ist seit jener Zeit
noch von Tag zu Tage ausgeprägter und
stärker geworden, bis nunmehr jede Entdeckung
und jede Erfindung nur noch dem
einen Zwecke — wenn nicht unmittelbar so
doch in der Erwartung — dienen muß und
nur noch von diesem überhaupt ins Leben
gerufen wird, dem Zwecke: „zu greifen und
verschwenden".

Ob es nun richtiger sei, unseren materiellen
Reichtum noch zu steigern oder ihn zu vermindern
, soviel steht fest, das Streben muß
nach einem allgemeiner verbreiteten Wohlbefinden
und Zufriedensein gehen, denn nur
ein glückliches Volk wird ein reiches Volk
sein, reich im besten Sinne, nämlich in der
Sicherheit, daß seine Kinder im Falle der
Not treu und fest für es eintreten werden.
Das ist dann ein Reichtum, den die Geschicke
des Krieges nicht berühren können, eine
Sicherheit, die das Schicksal nicht anzutasten
vermag.

Das Rennen und Jagen nun nach allem,
was man als weltliche Vorteile betrachtet,
hat das Lustgefühl für das Schöne zertreten
und getötet, und zertreten und getötet auch
das Verständnis für die absolute Notwendigkeit
dieses Gefühles als eines Elementes, das
im täglichen Leben zur inneren Befriedigung
nicht ungestraft entbehrt werden kann.
In Zeitaltern, die weniger nur dem Anhäufen
von Reichtum um seiner selbst willen sich
hingaben, muß man diese so notwendige Funktion
jenes Gefühles ganz unbewußt empfunden
haben, das beweist die Tatsache, daß
in allem, was getan, in allem, was geschaffen,
in allem, was gebraucht wurde, ein Hauch
künstlerischen Sinnes deutlich zu spüren
ist, in den Gebäuden, in der Kleidung, in
den Festzügen, kurz in allem und jedem,
vom Gotteshaus bis herab zum unscheinbarsten
Hausgerät. - Unsere Tagungen zur

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