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EMANUEL SEIDL-MÜNCHEN
Die Erkenntnis, daß die Architektur eine
Kunst sei, ebenbürtig der Malerei und
Plastik, Kulturträgerin ebensogut und oft noch
mehr als diese beiden, hat man bei uns in
der Allgemeinheit erst seit ein paar Jahrzehnten
wieder gewonnen. Es gab vordem eine lange
Zeit, in der die Architektur kaum als etwas
anderes angesehen wurde, denn als höherer
und ziemlich nüchterner Zweig der Technik.
Und war auch nichts anderes, außer da, wo ein
Beglückter sich einmal in einer Kirche oder
sonstigem Monumentalbau ausleben durfte!
Wenn er dann einen möglichst reichlichen Vorrat
überkommener Formen möglichst unpersönlich
zu einem Ganzen vereinte und besonders
es vermied, diesem Ganzen irgendwie
das Gepräge seiner Zeit zu geben, dann erkannte
man ihm wohl auch den Künstlertitel
zu. Ein schönes Zeugnis für den allgemeinen
kulturellen Aufschwung unserer Zeit bedeutet
der Umstand, daß dies anders geworden ist.
Die Baukunst hat heute ihre Geltung als ebenso
vornehmer wie wichtiger Kulturfaktor erobert,
der Baukünstler seinen Platz im Kreise der
Kunstgenossen von anderen Fakultäten. Auch
im breitesten Publikum dämmerte allgemach
die Erkenntnis, daß auf diesem Gebiete die
Persönlichkeit des Künstlers das Bestimmende
ist, wie überall; man hat Verständnis für den
individuellen Stil des Architekten bekommen,
und dieses Verständnis ist vielleicht sogar in
weitere Kreise gedrungen, als das für die Entwicklung
der übrigen bildenden Künste. In
München wenigstens, wo das Bestreben, schön
zu bauen, nicht bloß in den Gebildeten lebt,
sondern auch in jenen Schichten des Bürgerstandes
, die sich über manche andere Kulturfragen
nicht allzusehr aufregen. Schön bauen
und schön wohnen, war innerhalb dieses Münchner
Bürgertums immer schon die Freude
einzelner Familien, wie heute noch der köstliche
Besitz an alten Kunstschätzen aller Art
in manchem wohlhabenden Münchner Bürgerhause
beweist. Einem solchen Hause sind
auch die Brüder Gabriel und EmanuelSeidl
entsprossen, zwei Baukünstler, deren große
Popularität sich nicht zum wenigsten auf die
Bodenständigkeit ihrer Kunst gründet. Diese
ist im ideellen, wie im wörtlichsten Sinne
aus der heimischen Erde entsprossen, und die
beiden Seidl hinwiederum sind verwachsen
mit der ganzen künstlerischen Entwicklung
der Isarstadt in den letzten Jahrzehnten. Die
Architektur vermittelt mehr als anderes die
Beziehung zwischen dem Volke und der Kunst,
namentlich jene Architektur, die im Sinne der
Seidl auch innere Raumkunst und Kunsthandwerk
aller Zweige umfaßt. Es ist kein Zufall,
daß gerade in München alles tüchtige Handwerk
auch künstlerische Färbung gewann, daß,
seit den siebziger Jahren sich jeder Handwerker
in München, der was auf sich hielt,
auch kunstgewerblich betätigte bis zum Schuhmacher
, zum Lichterzieher, zum Bäcker. Auch
mit diesem schönen und gesunden Zug im
Münchner Leben ist der Name Seidl aufs
engste verknüpft. Der Bäckermeister Anton
Seidl, der Vater unseres Künstlers, war einer
der ersten, die hier im großen Stile Altertümer
sammelten, und war, als jene Neu-Re-
naissance der siebziger Jahre begann, mit
Opfern, Rat und Tat dabei, so oft es die
Sache zu fördern galt. Er zeigte durch sein
Beispiel, wie in keinem Gewerbebetriebe das
künstlerische Element außer acht gelassen
werden kann und soll, wo jede Ladenausstattung
, jedes Firmenschild, jede Geschäftskarte
und jede Pappschachtel künstlerischen Wert
zu besitzen vermag. Daß seine Söhne Künstler
wurden und zunächst Sinn für den „Stil"
bekamen, ist kein Wunder. Sie hatten von
Jugend auf nur geschmackvolles Gerät in die
Hand bekommen und haben selbst ihr Leben
lang den Grundsatz vertreten, daß kein Raum
und kein Ding, mit dem ein gebildeter Mensch
zu tun hat, ohne seine besondere Schönheit
sein solle. Als Emanuel Seidl nach Absolvierung
des Realgymnasiums und der Technischen
Hochschule ins praktische Leben trat,
fing er denn auch an, in diesem Sinne zu
wirken. Er arbeitete zunächst in einem Baubureau
der Generaldirektion der Verkehrsanstalten
und zeigte auch hier als junger Anfänger
schon ein besonderes Geschick dazu,
den nüchternen Plänen zu derartigen unfreudigen
Zweckmäßigkeitsbauten künstlerischen
Schliff zu geben. Bald darauf widmete er
seine Kraft dem Einrichtungsfache in der Firma
Seitz & Seidl, den ersten „Vereinigten Werkstätten
für Kunst im Handwerk". Es war freilich
Reproduktion alten Stils, was dort mit den
schnell erlangten Vervollkommnungen kunstgewerblicher
Technik hergestellt wurde, aber
es war doch Stil und war schön. Man muß
immer wieder daraufhinweisen, daß ohne jene,
von manchem Snob heute mit soviel Geringschätzung
angesehene Zeit der „Renaissancemeierei
" heute unser Kunsthandwerk technisch
Dekorative Kunst. X. 3. Dezember 1906.
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