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-*=4^> EMANUEL SEIDL-MÜNCH EN <ös^
schichte bildet, haben sich so die beiden Seidl
durch ihren Geschmack, ihre Erfindungsgabe
und ihr Improvisationstalent einen großen
Namen gemacht. Die „Festkunst" einer Stadt
ist ein guter Maßstab für ihre allgemeine Kultur,
nicht nur für die leichtblütige Lebenslust
ihrer Bewohner.
Seit dem letzten Jahrzehnt hat Emanuel
Seidls Stil eine Wandlung erfahren, die
wohl eine definitive sein wird. Sie vollzog
sich in engem Anschluß nicht an die Bedürfnisse
nur, sondern an die positiven Errungenschaften
der Zeit. Mit dem Kampfe um einen
neuen Stil ward bald auch das Streben nach
neuen Grundlagen für diesen Stil fühlbar,
ganz besonders beim Wohnhausbau. Eine
fortgeschrittene Persönlichkeitspflege, neue
Begriffe von Komfort, gewonnen aus zahllosen
neuen technischen
Eroberungen der Zeit,
stellten auch neue Forderungen
, schenkten auch
neue Möglichkeiten. Man
verlangte nicht mehr vor
allen Dingen Prunk und
Glanz, sondern Zweckmäßigkeit
und Behagen,
und aller überflüssige
Luxus des äußerlichen
Schmuckes verpönte sich
ganz von selbst. Schöne
Arbeit im einzelnen, gute
Verhältnisse, sinngemäße
Verwertung des
Materials und Wirkung
durch das Material wurden
Grunderfordernisse.
Man stellte nicht mehr
konventionelle Fassaden
hin, um dahinter die
Flucht der Wohnräume
durch ihre Ausstattung
allein schön und wohnlich
zu machen, man
baute die Häuser von
innen heraus, die Anordnung
der Räume den
Bedürfnissen des Bewohners
anpassend und
durch diese Anordnung
auch eine organische abwechslungsreiche
und zugleich
sehr oft auch malerische
Gestaltung des
Baues nach außen gewinnend
. Von selber ergab
sich da ein schönes
Bild durch die mannigfaltig
gebrochene Linie des Grundrisses, die
wechselnde Größe der Fenster, durch Nischen
und Vorsprünge, welche mit Rücksicht
auf das Behagen der Bewohner angebracht
waren, durch die unendlich verschiedenartige
Gestaltung des Dachstuhls, der Giebelstübchen
und Wirtschaftsräume aufzunehmen hatte, durch
freiere und mehr wechselnde Verwendung aller
erdenklichen Baustoffe, die für sich allein
schon koloristische Mannigfaltigkeit garantierten
. Wie diese Dinge alle modernen Architekten
bestimmen mußten, so gestalteten sie,
wie gesagt, auch Seidls Stil um. Er tat alles
von sich, was nach leerem Prunk und Bombast
aussah, und begnügte sich mit der Schönheit
des Einfachen und Zweckmäßigen, der Wirkung
durch gute Materialien und schlichte, großzügige
und charakteristische Linien. Bei den
villa thomas knorr in münchen: treppenhaus
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