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neue illustrationen zu wagners parsifal
Von Emil Schultze-Malkowsky
Der Mythos dieser auserlesenen Volks- und
Schönheitsdichtung war gegeben. Den
stärksten Ausdruck in Wort und Melodie gab
Richard Wagner ihm. Ihn in der Kunst der
Linien- und Farbengebung aufzufinden, blieb
noch übrig. An ernsten Suchern hat's hier
zwar keineswegs gefehlt, denn vielversprechende
Versuche sah man des öftern schon.
Der große Finder und Vollender aber hat sich
bislang noch nicht gefunden.
Zuletzt war Fidus es, der von sich reden
machte. Wie weit nun aber blieb gerade er
davon entfernt, an jene große Breitstrebig-
keit der Linienführung, die doch für diese
zauberische, machtvolle Pracht- und Weihewelt
des Parsifal ganz unerläßlich ist, heranzukommen
. Die krankhaft weiche, fast mädchenzarte
Formensprache dieses Künstlers
mußte ja versagen, für jene wilden, heißen
Kampfgestalten die großen zwingenden Gebärden
festzulegen.
Ein Jüngster, der das Wagnis unternommen
hat, das längst- und vielbegehrte Werk zu
richten, ist Hans Wildermann. Mit ihm
beschäftigt sich die folgende Betrachtung. —
Vom Gipfel der Vollendung trennt zwar auch
ihn noch manche lange, lange Meile. Sein Weg
jedoch verheißt ein Ziel, das — des Beachtens
durchaus wert — auf dem Gebiete unseres
Themas vielleicht Erfüllung wird. Noch erstaunlich
jung, trat Wildermann mit seinen
Illustrationen zu Parsifal in diesem Winter auf.
Im Kölner Kunstsalon Lenoble war der
Cyklus von Kartons zu dieser Schöpfung
Wagners ausgestellt, und wer sie sah, der
wurde bald inmitten dieser sonderlichen, so
seltsam tiefgetönten Blätter still und schweigsam
. Zumal die Tiefersehenden und Wissenden
verharrten lange — von Bild zu Bild
in dieser Sammlung. Und nur von denen,
die ganz unbeholfen waren, kam hier und da
ein schnelles Achselzucken und Gekicher . . .
Was sie so seltsam macht, die Schilderungen
dieses Künstlers? Sind es die Eigentümlichkeiten
seiner Farbengebung, die kühnen
Konstellationen der tief tiefschwarzen, grünen,
violetten und sonst dem grauen Alltag fremden
Untertöne, die das magisch dunkle Relief abgeben
? Sind es die fast asketisch herbe stilisierten
, immer wiederkehrenden Symbole der
Umrahmungen, die so befremdend auf den
Neuling wirken? An sich sind sie ja doch
als Liliengerank, als Dornenkranz und weiße
Taube uns zu vertraut hierzu. Oder sollte
gar der Stoff, das Schicksal dieser Menschen
so befremdend sein? Zur Empfindung dieser
eigentümlichen Entfernung beigetragen hat
sicherlich ein jedes der Motive. Maßgebend
aber war und ist — und darauf sei mit ganz
besonderem Nachdruck hingewiesen — das
seelische Moment, das in diesen kleinen
Aquarellen zum Ausdruck kommt: — die große
Sehnsucht eines heißen Künstlerherzens nach
Vollendung! Worin das sichtbar wird? Am klarsten
wohl in den Gebärden, die diesen sehnend
Irrenden, trunken Frevelnden und dann nach
tiefster Unterwürfigkeit Entsühnten eigen sind.
Die straffe Muskelspannung der Zerknirscht-
heit, die sehnend klammernden Umarmungen
der Liebe, die fieberhaft gestreckten Gesten
des Gebets und der Erhebung: — was Wildermann
auch immer schildert, zeigt die Formensprache
des Erlebten. Wie eigen und ergreifend
wirkt die jähe, heiße, von wilder
Angst gereckte Geste Kundrys, da sie vorstürzt
, um Amfortas kraft des Wunderkrauts,
das sie aus weiter Ferne hergebracht, zu
retten! „Hier! — Nimm du! — Balsam . . ."
Wie schlicht und hilflos einfach steht tief ergriffen
hier der „reine Tor", indes er bangend
fragt: ,q ^ehe des höchsten Schmerzenstags!
Da sollte, wähn' ich, was da blüht,
Was atmet, lebt und wieder lebt,
Nur trauern, ach! und weinen?«
Und wie erhebend dann die priesterliche
Schlußgebärde des Geläuterten:
>Höchsten Heiles Wunder: —
Erlösung dem Erlöser!«
Und dann, im stärksten Gegensatz hierzu,
wie tief erschüttert und ergeben die, die ihm
zu Füßen Anbetung sind in tiefstem Schweigen!
Das ist das Stammeln eines Suchenden, die
Sprache eines Ringenden, der bis zum Gipfel
will. Ob er sein Ziel erreichen wird? Seiner
Zeichnung fehlt es noch an Sicherheit, wenn
sie auch oft mit ganz erstaunlich wenigen
Mitteln Frappantes zeitigt, und des Künstlers
Ornamentik fehlt es noch oft an Klarheit und
jener zwingenden Gebundenheit, die Bild und
Rahmen als organisch einheitlich erscheinen
läßt. Das aber sind Bedenken, die angesichts
derjugend Wildermanns nicht sonders stören
dürfen. Das Ziel, das er erstrebt, ist gut
und köstlich. Es zeigt den Gipfel eines
Berges, da Quellen sprudeln aus der Tiefe
erquickendster Ursprünglichkeit und Buchen
ragen, die nach des Werktags dürrer Hitze
ein schattenkühles Obdach und den Ausblick
bieten auf ein Land voll lichter Pracht und
einer Schönheit, die reich und eigen ist.
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