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DAS RUDOLF VIRCHOW-KRAN KEN HAUS
Was bei Hoffmann, dem Erbauer des
Rudolf Virchow-Krankenhauses, als
eigentümlich auffällt und jeden, der künstlerisch
tätig ist, mit Achtung und Bewunderung
erfüllen muß, das ist die immer gleichmäßig
wirkende Intensität seines Schaffens.
Eine Ruhe, die alles sorgsam bedenkt und
nie den schnellen Effekten zustrebt, die blenden
, aber nachhaltig nicht befriedigen. Hoffmann
ist in dieser Hinsicht kein Ausstellungsarchitekt
, wenn man als solche diejenigen bezeichnet
, die auf Ausstellungen gewagte Konstruktionen
hinstellen, deren Haltlosigkeit die
Praxis bald erweisen würde. Die Klarheit
seines Grundrisses ist imponierend. Wie er
in diesem ungeheuren Komplex des Rudolf
Virchow-Krankenhauses, dessen Umfang einer
kleinen Stadt gleicht, einfach alles bedenkt,
nie an Ausdauer nachläßt, und doch sich nicht
übereilt, wie er den großen, einheitlichen Gesamteindruck
im Auge behält, so daß man
überall die Hand des Künstlers spürt, aber
nie aufdringlich an sie erinnert wird, das ist
künstlerische Disziplin ersten Ranges. Das
Sensationelle, das Verblüffende liegt ihm fern.
Aber er hat die unermüdliche Sorgfalt des
Künstlers, der sich selbst und seine Launen
in Zucht hat. Dieser Künstler, dem die ruhige
Tüchtigkeit der alten Meister eigen ist, lauscht
auf die Gesetze der Allgemeinheit. Er macht
sich diesem Geist dienstbar. Und in dieser
scheinbaren Entsagung, die im letzten Grund
jedoch Herrschaft ist — Herrschaft über die
Materie und über sich selbst — hat er eine
Strenge und einen Ernst, die märkischen
Charakters sind.
Und das ist bedeutungsvoll. Es ist nicht
die Aufgabe Berlins, eine Fülle malerischer
Interieurs zu geben oder die Extravaganzen
einzelner Künstler zu zeigen. Versucht es das,
so enthüllt es sein Parvenütum. Geschmack
wird Protzerei. Eleganz wird Falschheit. Es
fehlt an dem Kulturboden, und es fehlt an
der zusammenhängenden Künstlerschar, die,
wie es in kleineren Zentren möglich ist, mit
ihrem Ansehen dominierend hinter den Werken
steht. Aber wo es sich um die großen Aufgaben
handelt, die im Allgemeinwohl begründet
sind, die im Geschäftsleben ruhen, da
kann es entscheidend eingreifen. Berlin hat
das Warenhaus gegeben. Es gibt nun das Krankenhaus
. Damit haben wir zugleich die beiden
Baukünstler Berlins, Messel und Hoffmann.
Wer ein aufmerksames Auge hat, der wird
in Berlin wahrnehmen, wie von Jahr zu Jahr
eine rapid steigende Entwicklung das architektonische
Bild der Großstadt zusehends verändert
. Eine fieberhafte Tätigkeit überall. Das
Milieu der aufstrebenden Großstadt, die nicht
die Launen eines allzupersönlichen Künstlerwillens
, der im Kleinen einer lokalen Umgebung
bizarr-interessant wirken mag, dulden
kann, übt auf den Künstler einen erzieherischen
Einfluß aus. Man sehe sich Grenan-
ders geschmackvolle Ausgestaltung der Hoch-
und Untergrundbahn an, die neuerdings erweitert
wurde, wie fein dieser Künstler hier
in Eisen entwirft, leicht und gefällig, jede
Ueberladung vermeidend, dem Material sich
anschmiegend, und wie schön er die Wände mit
hellen Kacheln verkleidet, wie der Aufgang
aus dem Untergrundbahnhof aufsteigt, umgeben
von der sachlichen und doch graziösen
Schönheit der Eisenarchitektur. Das Milieu
der Großstadt wirkt erzieherisch. Sie strebt
zu architektonischen Schöpfungen hin, die in
ihrer strengen, sachlichen Haltung Symbole
eines rastlos tätigen Allgemeinwillens darstellen
, die schließlich einmal in ihrer Gesamtheit
einen Stil offenbaren können. Hier
liegt Berlins Bedeutung, und in diesem Sinn
muß der einsichtige Beurteiler Berlin betrachten
. Was es ist, kann es nie auf Ausstellungen
zeigen. Da regiert — mit Recht — der Einzelne.
Berlins Bedeutung aber ruht nicht auf dem
Einzelnen, sondern in dem Allgemeinwillen.
Was hier von Tag zu Tag praktisch geleistet
wird, das ist das Entscheidende.
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Das Rudolf Virchow - Krankenhaus ist ein
Symbol dieses Allgemeinwillens, und Hoffmann
hat ihm die passende Form gegeben.
Man muß die sinnreiche Gliederung des
Grundrisses bewundern, die ebenso praktisch
wie einfach ist. Zwei Hauptachsen teilen
rechtwinklig das Gelände. Die Längsachse
bildet eine in vier Reihen bepflanzte Allee,
an der die eingeschossigen Pavillons - - nur
im Mittelbau sind jedesmal die Wärterwohnungen
in einem oberen Geschoß untergebracht
- liegen. Diese Allee gestaltet die
ganze Anlage von vornherein anheimelnd.
Bänke, deren breite, bequeme Form zum
Sitzen einladen, stehen weiß unter grünen
Bäumen. Rasenflächen sind mit Blumenbeeten
geschmückt. Ein Springbrunnen bietet
Kühlung. Und rechts und links von dieser
Dekorative Kunst. X. 3. Dezember 1906
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