http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_16_1907/0149
AUSSTELLUNG DER KÖLNER KÜNSTLERVEREINIGUNG „STIL"
pvie kleine Gruppe von Architekten, Malern und
Bildhauern, die sich unter dem Namen >Stil« in
Köln zusammengeschlossen hat, und über deren
erste Ausstellung zurzeit in diesen Spalten berichtet
wurde, ist mit ihrer zweiten Revue hervorgetreten,
die, anderthalbhundert Nummern umfassend, wieder
recht günstig im Lichthof des Kunstgewerbemuseums
untergebracht ist. Man hat, wenn man von einigen
wenigen Ausnahmen absieht, durchweg den Eindruck
eines ehrlich modernen Wollens und solider künstlerischer
Arbeit, ohne daß eben Gewaltiges, Einziges
geleistet worden wäre. — P. Bachmann gibt außer
einigen malerischen Veduten klassischer Architekturstücke
(aus Trient, Venedig und Brühl), eigene architektonische
Entwürfe zu Schulen, Museen und
Villen; unter den letzteren sei als besonders glückliche
Lösung das trutzige Landhaus »Am Rhein«
genannt. Mit einer Reihe meist neuerer Werke ist
Franz Brantzky vertreten. Er macht einen sehr
hübschen Vorschlag für eine städtische Festhalle in
Köln, die imposant am Ufer des breiten Stromes aufragt
; er gibt Friedhofsanlagen, Villenkolonien, Stadterweiterungsvorschläge
, eine Signalstation für Wilhelmshaven
und manches andere. Hervorgehoben
seien namentlich die in modernem Empirestil gehaltenen
Entwürfe für ein Warenhaus in Kiel. Wenig
angenehm berührt bei vielen seiner architektonischen
Arbeiten eine gewisse äußerliche Aufmachung (durch
schreiend bunte Farben, theatralische Wolkenbildungen
etc.) — die ein Künstler wie Brantzky
wirklich nicht nötig hätte. — Carl Moritz hat mit
Geschick und auch Erfolg den Theaterbau großen
Stils zu seiner Spezialität erkoren; man sieht hier
die Entwürfe für die Stadttheater in Posen, Schöneberg
, Lübeck; und dann — sehr interessant — den
Idealentwurf zu einem neuen Opernhaus für Berlin
in Verbindung mit dem alten Opernhaus. Es ist
immer ein künstlerisches Unternehmen, eine neuzeitliche
Ergänzung zu Schinkels Bau zu wagen ; aber
es ist hier mit feinem Gefühl für klassischen Stil
geleistet worden. P. Recht fehlt auf der heurigen
Ausstellung. Dagegen hat die Vereinigung in dem
neuesten (neunten) Mitglied eine ausgezeichnete Kraft
gewonnen: es ist das G. Halmhuber, der neue Direktor
der hiesigen Kunstgewerbe- und Fachschule.
Von seltener Vielseitigkeit in Technik, Auffassung
und Motiven, zeigt er hier in Aquarellen Innenräume
der verschiedensten Art, Grabmäler, Profan- und
Kirchenbauten; in Schwarz-Weiß-Zeichnungen Buchschmuck
und Exlibris; ferner Zeichnungen in Rötel
und Kohle, Oel- und Temperabilder, Skizzen in Tempera
für die Ausführung als Wandgemälde. Eine
Diele in Weiß sei hervorgehoben, und ein Musikzimmer
, und die Prunkräume eines Hotels, unter den
Freskoentwürfen die Variante von >Am Brunnen«.
Das Speise- und das Frühstückszimmer sind zu prächtig
in der Anlage und lassen, wiewohl das erstere
ausdrücklich ein »bürgerliches« genannt wird, eher
an die Einrichtung eines Schlosses als eines Bürgerhauses
denken. An dem großen Temperabilde »Des
Knaben Wunderhorn« ist das Sujet etwas abgegriffen
romantisch, aber das Ganze im besten Sinne großdekorativ
und »stilvoll*; und man hat zu Paris 1900
diese Meriten wohl erkannt, als man dem Bilde den
Grand prix zusprach. Als feinsinniger Maler (das
Wort im engeren Sinne) erweist sich Halmhuber
in einem Kücheninterieur mit außerordentlich delikaten
Lichtspielen, oder auch in der farbensatten
Skizze »Christus vor Pilatus«. Als besonders sympathisches
Stück endlich sei das »Singende Mädchen«
(Pastell) genannt; viel Geschmack steckt darin und
Sinn für subtil empfundene Farben, und es ist schön
und sicher gesehen, wie der Wind dem Mädchen das
leichte Gewand an Leib und Glieder preßt. — Von
den beiden Nur-Malern Wilh. Schuler und R. Seuf-
fert ist nur der Erstere mit erfreulichen Werken vertreten
: einmal mit Landschaften, die, mit weichem,
zärtlichem Pinsel hingestrichen, ausgezeichnet sind
durch vornehme Einheitlichkeit des Tons, sodann mit
einigen Porträts, namentlich dem eines jungen Mannes
in köstlich behandeltem, sommerlichem Freilicht, und
auch der »Violinspieler« ist sicher charakterisiert
und von vornehm reservierter malerischer Haltung.
R. Seuffert hält sich allein durch ein gutes weibliches
Porträt. Zwei Stationsbilder zu einem Kreuzweg
für eine Kirche degoutieren durch die Posen
der heiligen Figuren und durch allzustarke Abhängigkeit
von Gebhardt. Die übrigen Skizzen zu Wand-
und Altarbildern sind Spektakelstücke Makartscher
Observanz, und das Gemälde »Blühen und Verwelken«
ist ein triviales Gartenlaubebild ohne jeden Reiz. -
Die Plastik endlich ist vertreten durch J. Moest und
G. Grasegger. Ersterer hat zwei erste Preise zu
zeigen aus der Konkurrenz für einen Hohenzollern-
brunnen in Cleve, ist aber wesentlich feiner und als
Künstler höherstehend in dem Grabmal seiner Eltern,
zu dem auch wieder Bachmann die Architektur geschaffen
hat: es ist das edelgebildete Hochrelief eines
trauernden Mädchens, von feierlicher Wirkung, ausgezeichnet
durch Geschlossenheit des Umrisses und
Erfüllung hoher Stilgesetze. Die »Lady Godiva«
— Buchsbaumstatuette auf Ebenholzsockel — zeigt
ein trauerndes oder verschämtes, nacktes Weib zu
Pferde, von großartiger Vereinfachung der Formen,
die doch nirgends flau und unverstanden bleiben.
Von Grasegger sieht man Büsten, Reliefs, Plaketten
und verschiedene Gruppen. Es mögen genannt
sein die in Form und Auffassung frische und
putzige Bronzestatuette des »Tapferen Schneiderleins
«; oder »Begier«, ein groteskes Silberrelief auf
blaugetönter Terrakotta. Die Marmorstele »Trium-
phator« ist verfehlt, nämlich öder Archaismus. Die
Gruppe »Er« zeigt einen herkulisch gebauten Mann,
der auf dem ausgestreckten Arm ein zierliches, lagerndes
Weibchen hält: eine Symbolisierung überlegener
männlicher Kraft und Ernsthaftigkeit. Das Bewegungsmotiv
ist sehr interessant durchgeführt, jedoch
die Modellierung der Muskulatur, zumal im Torso
des Mannes, mehr gewußt als gesehen, und darum
etwas schematisch. Das Gleiche gilt auch von der
einen, seitlichen, Figur an dem Grabmal für die verstorbene
Frau des Künstlers, das durch die Art der
Komposition (aufsteigender Zug von links unten nach
rechts oben, in drei Figuren) gewiß interessiert, dessen
Thema aber doch wohl auf dem Friedhof allzu ge-
dankenhaft und gequält erscheinen dürfte.
\FORTLAGE
LINCRUSTA
Die Abbildungen auf der nächsten Seite sind dem
Katalog der Rheinischen Linoleumwerke Bedburg
A.-G. entnommen, die in den letzten Jahren
eine große Anzahl künstlerischer Entwürfe von
Kolo Moser, Jan Kotera, Max Benirschke,
Rudolf Wille u. a. ausgeführt haben. Lincrusta
empfiehlt sich durch mancherlei Vorzüge für die
Bekleidung von Decken und Wänden und kann auch
für kleineren Bedarf in beliebiger Farbe und Dekorationsart
angefertigt werden.
135
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_16_1907/0149