Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 16. Band.1907
Seite: 177
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DIE BEDEUTUNG DES KUNSTGEWERBES

Eröffnungsrede zu den Vorlesungen über modernes Kunstgewerbe an der Handelshochschule in Berlin

Von Hermann Muthesius

Es könnte vielleicht als ein zufälliges Zusammentreffen
angesehen werden, daß die
ersten Vorlesungen, die an einer deutschen
Hochschule über modernes Kunstgewerbe gehalten
werden, an eine Handelshochschule
fallen. Was hat das Kunstgewerbe mit der
Handelshochschule zu tun?

Und doch ist das Zusammentreffen kein
rein zufälliges. Hier laufen vielmehr zwei
wichtige moderne Bestrebungen zusammen,
die beide im Geistesleben der Gegenwart ihre
Rolle spielen. Der Gedanke des Kunstgewerbes
sowohl, als das Bestreben des Kaufmannsstandes
, sich universell zu bilden, sind Erscheinungen
der neuesten Zeit. In beiden Bewegungen
betätigt sich ein moderner Geist,
beide berühren sich auf der gemeinsamen Basis
der Probleme der Gegenwart. Allerdings wirkt
auch ein äußerlicher Grund mit. Die alten
privilegierten Hochschulen gehen ihren alten
Gang; eine moderne Bewegung hat es nicht
leicht, sich in ihren festumgrenzten Organismus
einzufügen. Ein neues Institut, wie die
Handelshochschule jedoch ist beweglich, anpassungsfähig
und jugendfrisch genug, um alles
der Beachtung zu würdigen, was sie unbefangen
als in ihre Interessensphäre fallend
erkennt. Auf diese Weise konnte es gerade
der Handelshochschule vorbehalten bleiben,
zuerst die Bedeutung des Kunstgewerbes zu
entdecken und durch Heranziehung in ihr
Unterrichtsgebiet zu würdigen.

Worin liegt aber die Bedeutung des modernen
Kunstgewerbes? Wie ist es möglich geworden,
daß ein so kleines Spezialgebiet, von dem das
größere Publikum bis vor kurzer Zeit noch
nichts wußte, heute bereits zu einem akademischen
Lehrgebiet werden kann? Die
Wichtigkeit und Tragweite des Gegenstandes
auseinanderzusetzen, soll das Ziel meiner Vorlesungen
in diesem Semester sein. An der
Hand der Entstehung und der inneren Entwicklung
des kunstgewerblichen Gedankens
wird sich die Bedeutung, die dem Kunstgewerbe
heute schon zukommt, und die ihm
in der Zukunft wahrscheinlich in vermehrtem
Maße zugesprochen werden wird, logisch entwickeln
lassen. Indessen ist es doch vielleicht
von Wichtigkeit, in dieser meiner einleitenden
Vorlesung das Gebiet, wie es heute vor uns

liegt, gleichsam mit dem Scheinwerfer abzuleuchten
, um die markantesten Punkte von
vornherein zu erkennen und in ihrer Bedeutung
zu verstehen. Die Einzeldeduktion wird
dann um so sicherere Zielpunkte haben und
das Schlußergebnis sich mit größerer Klarheit
aufbauen.

Die Bedeutung des modernen Kunstgewerbes
ist gleichzeitig eine künstlerische, eine
kulturelle und eine wirtschaftliche. Ich nenne
die künstlerische zuerst, weil sie gewissermaßen
selbstverständlich ist, und weil sich die
ganze kunstgewerbliche Bewegung fast bis in
die neueste Zeit herein in ihr erschöpfte. Die
kulturelle Bedeutung des Kunstgewerbes ist
noch nicht so deutlich sichtbar. Die hier
tätigen Kräfte fangen eben erst an zu wirken.
Und was die wirtschaftliche Bedeutung anbelangt
, so liegt diese fast ausschließlich in der
Zukunft. Es lassen sich aber vielleicht Hoffnungen
aussprechen, die auf Parallelen in der
Geschichte fußen.

Die künstlerische Bedeutung des Kunstgewerbes
ist in Deutschland aller Welt klar
geworden durch eine Dokumentation ersten
Ranges, die sich in diesem Sommer abgespielt
hat. Soeben haben sich die Pforten der
III. Deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung in
Dresden geschlossen, die aller Welt bekannt
gemacht hat, auf welchem Standpunkt das
deutsche Kunstgewerbe heute steht. Es ist
daher vielleicht angezeigt, diesen Standpunkt
in ein paar kurzen Worten zu skizzieren.

Das, was jedem Betrachter in Dresden zuerst
auffallen mußte, war, daß alles, was ausgestellt
wurde, von der kleinen Kunststickerei
bis zum ausgestatteten Zimmer, eine eigene
künstlerische Sprache redete. Diese Sprache
hat mit der des alten Kunstgewerbes, wie wir
es in den achtziger und neunziger Jahren
blühen sahen, nichts mehr gemein. Eine grundsätzliche
Aenderung des Zieles ist eingetreten.
Die Verwendung der Aeußerlichkeiten der alten
Kunststile ist von der Tagesordnung abgesetzt,
man bestrebt sich, eine neue, eigene, selbstständige
, künstlerische Sprache zu reden. Das
ist das Auffallendste an den Erzeugnissen des
modernen Kunstgewerbes. Und in diesem
Schritte, die ausgetretenen Geleise der letzten
Jahrzehnte zu verlassen, die sich in Filtration

Dekorative Kunst. X. 5. Februar 1907.

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