Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 16. Band.1907
Seite: 178
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HERMANN MUTHESIUS: DIE BEDEUTUNG DES KUNSTGEWERBES

und Wiederfiltration der historischen Kunst
ergingen, ist gewiß eine Großtat des modernen
Kunstgewerbes zu erblicken. Nur eine jugendlich
bewegte, enthusiastische Zeit konnte diesen
Schritt tun. Tatsache ist, daß ein derartiger
Neuausgang auf stilistischem Gebiete seit
Jahrhunderten nicht genommen worden ist.
Als die Renaissance mit den Prinzipien dei
Gotik brach, herrschte zwar ein ähnliches
enthusiastisches Streben nach Neuem, wie
wir es heute in der modernen kunstgewerblichen
Bewegung beobachten, allein damals
hatte man lediglich das Ziel, sich die Formen
der eben neuentdeckten Antike anzueignen.
Man blickte damals nicht vorwärts, sondern
rückwärts. Nun ist zwar auf der Grundlage
der antiken Formen, im Zeitalter der Renaissance
beginnend, viel Neues entwickelt worden
. Verschiedene sich abwechselnde Richtungen
haben auf Seitenwegen oder durch
Einschlag von anderen Elementen, wie arabischen
(Ornamentik der deutschen Renaissance
), chinesischen (Rokokokunst) usw. eine
zeitlich so festumgrenzte Formensprache erzeugt
, daß wir sie heute fast auf bestimmte
Jahrzehnte der Kunstgeschichte datieren können
. Aber immerhin handelte es sich nur um
Modifikationen eines ein für allemal durch
die Antike gegebenen Themas. Die selbständigste
dieser Modifikationen war die Rokokokunst
, ein plötzliches Aufflackern eigenwilliger
Gestaltungsziele, das sich noch am ersten mit
den revolutionären, alles Bisherige verlassenden
Tendenzen des modernen Kunstgewerbes
vergleichen läßt. Im modernen Kunstgewerbe
jedoch handelt es sich nicht um Einschläge
von Motiven vergangener oder anderswo gewachsener
Kunstrichtungen, vielmehr ist die
grundsätzlich selbständige Gestaltung das Leitmotiv
.

Welche Ansicht man nun auch über das
Endergebnis dieses Strebens der Vermeidung
aller historischen Anklänge haben mag, so
steht doch heute schon eins fest: es ist gelungen
, auf der Grundlage einer absolut selbstständigen
Gestaltung Werke von überzeugender
künstlerischer Wirkung zu schaffen.
Freund und Feind muß dies anerkennen. Und
auch von den Feinden der Bewegung hat
niemand zu leugnen gewagt, daß hier eine
nationale Großtat von nicht zu unterschätzender
Bedeutung vorliege.

So sehr aber auch diese Außenseite der
Sache in die Augen fällt, so liegen doch die
eigentlichen Triebkräfte der modernen kunstgewerblichen
Bewegung nicht ausschließlich
oder auch nur vorwiegend in der Gestaltung
in neuen, von der historischen Kunst nicht

gekannten Formen. Sie sind vielmehr in
einer völligen Sinnesänderung zu erblicken,
die gegenüber dem kunstgewerblichen Bilden
der achtziger und neunziger Jahre eingetreten
ist. Damals gestaltete man in Verliebtheit
in die alte Kunst. Diese Verliebtheit war
gerade so weit entwickelt, um den innigen
Wunsch hervorzurufen, ebensolche Werke,
wie die alte Kunst sie darbot, zu schaffen.
Dieses „ebensolche" bezog sich aber auf die
äußere Erscheinungsform der alten Kunstwerke
. Und man vergaß dabei, daß diese
Erscheinungsform nur ein Ausdruck der in
jenen Zeiten tätig gewesenen inneren Einflüsse
sein konnte. Man vergaß, daß diese
alten Gegenstände eben gerade deshalb so
vollendet waren, weil sie eine markante Form
der damaligen Bedingungen in geistiger, materieller
und sozialer Beziehung war. Man kam
nicht auf den Gedanken, daß die geistigen,
materiellen und sozialen Bedingungen unserer
Zeit total andere geworden waren, und daß
man daher, indem man die äußere Erscheinungsform
alter Handwerkserzeugnisse imitierte
, eigentlich Falsifikate in die Welt setzte.
In der Tat beweist der rasche Wechsel der
Stilmoden der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
, in welcher geringen Beziehung die
äußere Form der neugeschaffenen Erzeugnisse
zu dem Zeitgeist stand. Man könnte das Kleid
dieser Stilerzeugnisse mit Maskeradenkostümen
vergleichen, die man nur einen Abend
trägt und nach Belieben wechselt.

Das Bestreben, von diesen Maskeradenscherzen
loszukommen und sich rein auf die
Bedingungen unserer Zeit zu stellen, ist die
wichtigste Triebkraft der neuen Bewegung im
Kunstgewerbe. Die Bedingungen der Zeit
sind zunächst am deutlichsten vorgezeichnet
in der notwendig zu verlangenden Gebrauchsfähigkeit
. Die Gebrauchsanforderung an alte
Möbel und Geräte war vielfach abweichend
von den modernen Gebrauchsanforderungen.
Die Gestalt der Sitzmöbel hängt mit den häuslichen
und gesellschaftlichen Gebräuchen, sowie
mit der Kleidermode zusammen. Die Sitte
des Essens hat sich gegen frühere Jahrhunderte
ungemein verändert; unser Reinlichkeitsbedürfnis
ist enorm gesteigert und hat
neue Vorrichtungen geschaffen; unser sanitäres
Empfinden ist, man kann kaum sagen
gesteigert, sondern geradezu neu entstanden.
Die Form des Wohnens ist dadurch eine andere
geworden. Zu dem früheren Bestand an Geräten
ist eine ganze Anzahl neuer hinzugekommen
, andere sind in neuer Grundform
in weitem Umfange verändert worden, eine
gute Anzahl alter Geräte sind dafür außer

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