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HERMANN MUTHESIUS: DIE BEDEUTUNG DES KUNSTGEWERBES
HOFANSICHT DES LANDHAUSES „HVITTRÄSK" BEI HELSINGFORS
timentalität und damit in Unsachlichkeit zu
verfallen. Die Bildung nach historischen Reminiszenzen
brachte beinahe mit Notwendigkeit
eine Verletzung dieser drei Grundsätze
mit sich. Das beweist das Kunstgewerbe des
Zeitalters der Stilimitationen, das heißt also
hauptsächlich der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
. Diese Zeit ist mit ihren rasch wechselnden
Stilmoden gleichzeitig die Zeit der
schlimmsten Verirrungen in sinnwidrigem Aufputz
und in Materialvortäuschungen aller Art.
Surrogate und Imitationen feierten ihre Triumphe
. Holz wurde in gepreßter Steinpappe
imitiert, Stein in Stuck, wenn nicht in Zinkblech
, Bronze in Zinnguß. Man hatte alles Gefühl
für die einfachsten Regeln des Anstandes
in dieser Beziehung verloren. Und weshalb?
Vorwiegend deshalb, weil man in die äußere
Form vernarrt war und sie infolge jener
historischen Sentimentalität über alles liebte.
Ueber die Auffassung jener Jahrzehnte sind
heute zwar die Anhänger des modernen Kunstgewerbes
hinweg, nicht aber die Allgemeinheit
. Publikum und niederes Gewerbe sind
noch durchaus in ihr befangen. Das beweist
z. B. deutlich der deutsche Stubenmaler, der es
als höchsten Gipfel seiner Kunst betrachtet,
Pappe oder Mauerputz wie Nußbaumholz anzustreichen
oder eine Zinkbadewanne mit
Malerei zu überziehen, die täuschend Marmor
imitiert.
Die Perhorreszierung dieser Imitationen und
Surrogate wurde das Leitmotiv des neuen Kunstgewerbes
. Keine Imitation irgend welcher Art,
jeder Gegenstand wirke als das, was er ist,
jedes Material trete in seinem eigenen Charakter
in die Erscheinung. So arbeitete sich
einer der bedeutungsvollsten Grundsätze der
gewerblichen Gestaltung heraus: der der inneren
Wahrhaftigkeit. Und in seinem Gefolge
marschierte sogleich der von ihm abhängige
Grundsatz der werklichen Gediegenheit. Denn
die Gediegenheit ist nichts anderes als die
äußere Kundgebung der inneren Wahrhaftigkeit
. An der Hand der einfachen Logik ist
auf diese Weise ein Prinzip wieder zur Geltung
gebracht worden, das im Getriebe der
industriellen Produktion des 19. Jahrhunderts
fast verloren gegangen war. Allerdings sprachen
bei diesem Verlorengehen noch andere, nämlich
wirtschaftliche und soziale Umstände mit.
Immerhin aber gebührt der mächtig sich entfaltenden
kunstgewerblichen Bewegung das
Verdienst, die Gediegenheit der gewerblichen
Erzeugnisse als allererste Anforderung in den
Vordergrund gerückt zu haben. Und auf
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