Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 16. Band.1907
Seite: 184
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HERMANN MUTHESIUS: DIE BEDEUTUNG DES KUNSTGEWERBES

sich erfreulicherweise in neuerer Zeit ebenfalls
ein Zug zum straffen Stilisieren, zum
Lapidaren beobachten, der die bisherige Genrerichtung
und Theaterpose verläßt. Das erfreulichste
Zeugnis dafür ist vielleicht das
neue Bismarckdenkmal in Hamburg.

Zieht so die neue Bewegung, die sich zuerst
als rein kunstgewerbliche Bewegung zu
erkennen gab, bereits in allen Künsten ihre
Kreise, so daß man heute schon sagen kann,
daß sie zu einer allgemeinen Kunstbewegung
geworden ist, so ist auf der anderen Seite
doch nicht zu verkennen, daß die Bewegung
bisher eine fast ausschließlich intellektuelle
war, und daß sie sich im besonderen im
Wirtschaftsleben unserer Zeit noch nicht
wesentlich bemerkbar macht. Die Bewegung
ist von intellektuellen Kreisen ausgegangen
und bisher von ihnen getragen worden, und
ihre Fortpflanzung hat von Intellekt zu Intellekt
stattgefunden. Auf einem Gebiete, das
nicht nur künstlerisch, sondern auch gewerblich
ist, wird es aber vor allem darauf ankommen
, daß die neue Bewegung auch die
gehörigen wirtschaftlichen Geleise rindet. Hier
beginnen die Schwierigkeiten. Sie haben sich
scheinbar gerade neuerdings vermehrt, wo
die materiellen Vertreter des Kunstgewerbes,
das heißt, die Fabrikanten und Händler, laute
Protestkundgebungen gegen die neue Bewegung
und ihre Träger, gegen die Dresdener
Kunstgewerbeausstellung und gegen die Kunstgewerbeschulen
von sich gegeben haben. Bekanntlich
ist eine Demonstration mit Hunderten
von Unterschriften an die verbündeten Regierungen
eingereicht worden. Man könnte
nun annehmen, daß hierin eine ernstliche
Bedrohung des kunstgewerblichen Gedankens
zu erblicken sei, daß gewissermaßen ein
Gegner entstanden sei, der mit seiner wirtschaftlichen
Macht die künstlerischen Anläufe
im Gewerbe zerstören und vernichten
könnte. Solche Befürchtungen müssen indessen
wesentlich zusammenschrumpfen,
wenn man bedenkt, daß die kunstgewerbliche
Bewegung eine aus dem Geistesleben
der Zeit entstandene, aus einer inneren Notwendigkeit
hervorgegangene Bewegung ist,
während die Proteste der Gegner aus rein pekuniären
Beweggründen entstanden sind. In
diesen Protesten ist nichts weiter zu erblicken
, als die Aeußerung des Unbehagens
darüber, daß neue Ideen, die von Jahr zu
Jahr mehr Macht im Geistesleben des Volkes
gewonnen haben, den bisherigen Geschäftsbetrieb
der kunstgewerblichen Produktion aufgerüttelt
, man könnte sagen angerempelt
haben. Die Antwort darauf sind die Proteste.

Im Grunde sind sie nur ein erfreuliches
Zeichen, daß die Bewegung, die sich bisher
auf einen kleinen Kreis von Intellektuellen
beschränkte, jetzt immer mächtiger an die
Pforten der kunstindustriellen Fabrikation
schlägt und ihren Unterbau da, wo er morsch
ist, gefährdet. Die Protestler sind jene Elemente
, die sich in dem alten Betrieb wohlfühlen
, nach welchem der Fabrikant angeblich
sich nach dem Geschmack des großen Publikums
richtete und das große Publikum die
albernen Stilmoden willig hinnahm, mit dem
der Fabrikant seine Abnehmer unterhielt. Plötzlich
fängt dies Abnehmerpublikum an, selbstständig
zu denken; es ist angeregt und aufgerüttelt
durch die Erzeugnisse der Künstler,
es hat Ausstellungen gesehen und wundervolle
, harmonische Innenräume erblickt, die
von Künstlern herrühren. Und es zweifelt
nun an dem Rat, den ihm bisher der Fabrikant
und Händler gab. Es ist nur natürlich und
menschlich verständlich, daß der Fabrikant
und der Händler zunächst diese Unbequemlichkeit
bekämpfen werden. Aber, daß solche
Proteste und Angriffe einer großen geistigen
Zeitströmung gegenüber verhallen müssen,
ist ebenso klar.

Und im übrigen kann man heute schon
darauf hinweisen, daß es keineswegs geschäftlich
aussichtslos ist, sich in den Dienst der
modernen Bewegung zu stellen. Eine Anzahl
von kunstgewerblichen Produzenten, die
logisch und konsequent diesen Weg verfolgt
haben, ist zu glänzender wirtschaftlicher Entwicklung
gelangt. Es sei hier nur an die
„Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst"
erinnert, die aus kleinsten Anfängen sich im
Verlaufe von acht Jahren zu einem Betriebe
entwickelt haben, der Hunderte von Tischlern
beschäftigt und Millionen umsetzt. Allerdings
gehört eins dazu: daß der Produzent nicht nur
mit seiner Berechnung, sondern auch mit seinem
Herzen bei der neuen Bewegung ist. Dann
wird aber der Erfolg nicht ausbleiben. Ja man
kann sagen, daß den Fabrikanten, die nicht
Proteste gegen die neue Bewegung unterschreiben
, sondern sich ihr als Anhänger anschließen
, die Zukunft gehören wird. Denn
sie gehen mit der geistigen Bewegung der
Zeit, während die anderen den fruchtlosen
Versuch machen, sich gegen sie anzustemmen.

Jedenfalls ist die Lösung der wirtschaftlichen
Seite des neuen Kunstgewerbes die
dringendste Frage der Zeit. Sie ist nicht einfach
damit erledigt, daß die kunstgewerbliche
und kunstindustrielle Produktion nun
statt der Sachen in historischen Stilen solche
im sogenannten neuen Stile macht. Diesen

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