Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 16. Band.1907
Seite: 186
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HERMANN MUTHESIUS: DIE BEDEUTUNG DES KUNSTGEWERBES

Versuch hat sie bereits unternommen, indem
sie als neuesten ihrer Stile den Jugend-
und Sezessionsstil ausgab. Und sie hat
diesen Stil bereits wieder gegen Empire-
und Biedermeierstil umgewechselt. Die im
neuen Kunstgewerbe liegenden Gedanken sind
aber zu ernst, um sich in dieses leichtfertige
Spiel mit Stilmoden einreihen zu lassen. Es
kommt in der kunstgewerblichen Bewegung
gar nicht auf den sogenannten modernen Stil
an. Einen solchen zu proklamieren war überhaupt
eine leichtfertige Uebereilung. Ein Stil
entsteht nicht von heute auf morgen und kann
nicht erfunden werden, sondern er ist das
Ergebnis einer ernststrebenden Zeitepoche,
die sichtbare Aeußerung der inneren geistigen
Triebkräfte der Zeit. Sind diese Triebkräfte
echt, so wird ein echter, das heißt ein originaler
, nachhaltiger Stil entstehen, sind sie
leichtfertig und oberflächlich, so wird etwas
Aehnliches entstehen wie die wechselnden
Stilimitationen der letzten fünfzig Jahre.
Welcher Stil aus den jetzigen ernsten Bestrebungen
des modernen Kunstgewerbes
herauskommen wird, ist heute nicht abzusehen
. Er kann nur vorausgeahnt werden.
Es ist nicht unsere Aufgabe, den Stil gewaltsam
aus unserer Zeit herauszupressen,
sondern es liegt uns lediglich daran, mit
voller Hingabe und Aufrichtigkeit so zu gestalten
, wie wir es vor unserem besten Wissen
und Gewissen verantworten können. Der Stil
ist nicht etwas, was man vorwegnehmen kann,
sondern er ist die große Zusammenfassung des
aufrichtigen Strebens einer Zeitepoche. Es wird
die Aufgabe der Nachwelt sein, herauszufinden
, welchen Stil unsere Zeit hatte, das heißt,
welche gemeinsamen Merkmale in den vollwichtigsten
und ernstesten Bestrebungen der
Besten unserer Zeit zu entdecken sind.

Von diesem Streben sind unsere heutigen
Führer in der kunstgewerblichen Bewegung
beseelt, und es ist daher zu erwarten, daß
sie, ohne daß sie es wollen, den Stil unserer
Zeit entwickeln, einfach, indem sie ernst vorwärts
streben und ihrem inneren Drange
folgen. Das Beste, was die materielle Produktion
unserer Zeit tun kann, ist, sich diesem
ernsten Streben anzuschließen. Das bedeutet
freilich eine Sinnesänderung von prinzipieller
Bedeutung. Denn der kunstindustrielle Produzent
lehnte es bisher grundsätzlich ab, ethische
oder moralische Ziele mit seinem Geschäft
zu verquicken, das er nach seiner eigenen
Angabe lediglich auf die angeblichen Anforderungen
des Publikums zuschnitt. Das Resultat
waren Dinge, die nach viel aussahen
und nichts kosteten. Denn auf diese Dinge

biß das Publikum in großem Umfange und
in allen Schichten an. Durch diese Praxis
der Industrie und das Daraufeingehen des Publikums
ist eine gegenseitige Demoralisierung
sowohl der Produzenten als der Abnehmer
eingetreten. Denn welchem Fabrikanten kann
es Freude machen, sein Leben in der Produktion
von Schund hinzubringen, und welcher
Abnehmer kann sich auf die Dauer über
Sachen freuen, die nichts taugen? Hier muß
ein völliger Wandel eintreten, und dieser
Wandel muß beim Fabrikanten beginnen.
Dieser braucht nur die anständigen Grundsätze
, die er als Privatmann hat, auf sein
Geschäft zu übertragen; so wie er als Privatmann
nicht unanständig handelt, so darf er
als Geschäftsmann nicht unanständig produzieren
, das heißt, nicht Sachen herstellen, die
Imitationen und Surrogate sind, Sachen also,
die nach mehr aussehen, als sie sind. Wie
derartige Grundsätze sehr wohl Allgemeingut
eines Volkes werden können, das weiß jeder,
der englisches Leben und englische Anschauungen
kennt. Der englische Fabrikant steht
fast durchweg auf dem Standpunkte, seiner
besten Ueberzeugung zu folgen und nur gediegene
Sachen zu produzieren. So sehr auch
die deutsche gewerbliche Produktion durch
ihre vielgerühmte Anpassungsfähigkeit in den
letzten Jahrzehnten in die Höhe gekommen
ist, so ist doch diese Anpassungsfähigkeit auf
Gebieten, die sich mit dem Kunstgewerbe
und der Kunstindustrie berühren, sehr vielfach
direkt zum Unheil geworden.

Glücklicherweise ist in neuerer Zeit in
breiteren Schichten auch des deutschen Volkes
jener Zug nach der Gediegenheit allgemeiner
geworden, der in England zu den Selbstverständlichkeiten
gehört, ein Umstand, der allerdings
mit dem vermehrten Wohlstand des
Volkes nicht unwesentlich zusammenhängt.
Hier berührt sich nun wieder der Zug der
Zeit mit den Grundprinzipien der kunstgewerblichen
Bewegung. Keine Imitation irgend
welcher Art, und jeder Gegenstand gebe sich
als das, was er ist! Würde sich hierin die
produzierende Industrie der kunstgewerblichen
Bewegung anschließen, so wäre ein ungeheurer
Schritt vorwärts getan. Denn es liegt
auf der Hand, daß durch die Produktion von
nicht genügend gediegenen Gegenständen bei
aller darauf verwendeten Arbeit der Rohstoff
nicht so ausgenützt wird, wie er ausgenützt
werden könnte, also einmal ein kolossales
Nationalvermögen im Rohstoff verschwendet
und zweitens unnütze Arbeit angesetzt wird.
Billige Sachen sind im letzten Ende in jeder
Beziehung kostspieliger als teure.

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