Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 16. Band.1907
Seite: 225
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_16_1907/0239
HANS PÖELZIG ALS BAUKÜNSTLER

Von Conrad Buchwald

Sicher wird es nicht wenige Leser gerade
dieser Zeitschrift geben, denen das Wort
„Baukünstler" in der Ueberschrift auffällt —
bezeichnenderweise. Denn diese Zeitschrift
dient dem Kunstgewerbe, das man das moderne
nennt, und heißt „Dekorative Kunst".

Es ist das eine von den vielen Bezeichnungen
, mit denen man sich um den Taufnamen
des Kindleins bei seiner Geburt vor
etwa zehn Jahren abmühte, mit denen man sich
jetzt — in dessen Lümmeljahren — immer
noch abmüht, vielleicht nicht so sehr in der Erkenntnis
, daß „Kunstgewerbe" in der sonderbaren
Zusammensetzung seiner Namensbestandteile
eigentlich ein Unding ist, als vielmehr
um anzuzeigen, daß es sich um etwas
Neues, etwas schon am Namen als Neues
Kenntliches handelt. Wer auf diese oder ähnliche
Bezeichnungen gekommen ist, ging von
der richtigen und stets noch betonten Einsicht
aus, daß Kunst ebensogut in einem Bildwerke
oder Gemälde, wie in einem Schmuckoder
Gebrauchsgegenstande nicht stecken muß
aber kann, nämlich dann, wenn sein Schöpfer
wirklich ein Künstler ist.

Uebrigens nicht Künstler im allgemeinen
waren, wie man weiß, wenigstens bei uns in
Deutschland, die Väter des ersten modernen
oder besser geschmackvollen und künstlerischen
Kunstgewerbes unserer Zeit, sondern
überwiegend Maler, für die es im Vergleich
zu ihren bisherigen Bilder-Erfolgen hieß, ja
mit dem Kunstgewerbe zu spazieren ist ehrenvoll
und bringt Gewinn. Man kann nicht gerade
sagen, daß es ein Unglück war, aber
doch ein Verhängnis. Denn es hat uns den
langen Umweg gekostet, von dem wir jetzt
erst wieder auf die richtige Bahn einlenken,
auf der nicht nur wie bisher theoretisch, sondern
auch in der Praxis die selbstverständliche
Forderung unbedingt erhoben wird, daß jeder
zunächst sein Fach, seine Technik, sein Handwerk
verstehen muß. Erst aus der völligen
Beherrschung seiner Technik heraus kann er
Geschmack, im höheren Sinne Kunst entwickeln
. Allerdings nur dann — und das wird
immer noch zu wenig betont - - wenn er nicht
nur Mutterwitz, auch ein gewisses Maß kultureller
Bildung besitzt. Und für noch etwas
sind gerade die Maler sei es um ihren
Zorn — verantwortlich zu machen: für das
Wort „ Dekorativ", für die Betonung des Aeußer-

lichen, des durch die Farbe hauptsächlich bewirkten
„stimmungsvollen" Gesamteindrucks
oder im einzelnen für die Betonung des aufgezwungenen
, nicht herausgewachsenen Ornaments
. Man achtete zuviel auf die Blätter
und Blüten statt auf den Zweig, an dem sie
sitzen, und den Baum, zu dem sie gehören,
der an sich noch Geltung und Ausdruck seines
Seins behält, auch wenn er entblättert ist.

Jetzt haben im Dienste des Kunstgewerbes
im großen und ganzen die Architekten die
Maler abgelöst, insbesondere für die Aufgabe
der Ausstattung eines Innenraumes, zu dem
wir von dem bekannten künstlerischen Sofakissen
und der kunstgewerblichen Aschenschale
aus immer mehr fortgeschritten sind. Ein
glücklicher Tausch ! Denn von den sogenannten
hohen Künsten ist die Architektur die
handwerklichste, zudem auf der Grundlage
einer viel umfassenderen Geistesbildung ihrer
Jünger, als sie Maler und Bildhauer nötig zu
haben noch vielfach glauben. Aber auch damit
sind wir noch nicht am Ende der Reform.
Nach diesem Schritt nämlich wurde gleich
wieder Halt gemacht. Man klammerte sich
an die Ausstattung eines Innenraumes, und
der ihn ausstattende Künstler nannte sich
Innen-Architekt. Und wie Architekten sich
heutzutage alle Bauunternehmer nennen, für
die ihre geschickten jungen Leute (ausgenommen
kaufmännisch) denken und zeichnen, so
hießen Innenarchitekten alsbald alle Kaufleute
mit einem Warenlager von „modernen" Möbeln,
Tapeten, Teppichen, Gardinen, Bildern und
allerlei Kleingerät.

Nun wurde wieder ein neues Wort „geschaffen
", das Wort „Raumkünstler". Aber
diese Raumkünstler blieben im Grunde genommen
Innenraumkünstler; selbst vielgenannte
unter ihnen sind es noch. Bei der Raumgestaltung
ist Inneres und Aeußeres aber
doch untrennbar. Mit der Wand und Deckengestaltung
lediglich eines Innenraumes, auf
die man Gewicht legt, weil sie Möbelformen
und Möbelwirkung bestimmt, mit dieser
allein ist es nicht getan. Noch immer aber,
auch auf der letzten Dresdener „Raumkunst"-
Ausstellung wurde in den weitaus meisten
Fällen hauptsächlich auf die „Stimmung"
eines Raumes Wert gelegt, die sich zunächst
mit der Farbe machen läßt, dann aber auch
mit allerhand Effekten der Lichtzufuhr, Ein-

Delcorative Kunst. X. 6. März 1907.

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