Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 16. Band.1907
Seite: 249
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HANS SCHMIDKUNZ: DAS KUNSTGEWERBE ALS AUSDRUCK

Stein oder Ton oder Gewebe: es ist alles
nur Material für die Formen, in denen wir
unsere Bedürfnisse nicht bloß befriedigen,
sondern, weil wir nun einmal Menschen sind,
auch von ihnen erzählen und zwar schön erzählen
wollen.

Es ist längst nichts Neues mehr, die sogenannten
Kunststile als Kennzeichen unserer
Zeiten, Länder und Völker aufzufassen. Wir
dringen jedoch in das Wesen dieser Kennzeichnungen
unmöglich ein, wenn wir in der
landläufigen Weise glauben, daß die Stile sich
so gegeneinander abgrenzen, wie man dies
meistens auffaßt, und daß ihr Wesen sich in
einzelnen Formenzügen erschöpft. Weder
ist der Spitzbogen das Wesen des Gotischen,
noch auch das Eirund das Wesen des Barockstiles
. Zwar würden wir, angesichts des
„einheitlichen Formenwillens" einzelner Kulturepochen
, zu weit gehen, wenn wir sagten :
es gibt keine Stile; allein
gegenüber den bekannten
Fragen, in welchem Stile
dieses oder jenes Werk gehalten
sei, wird man geradehin
dazu gedrängt, ein
solches Paradoxon auszusprechen
. Liegt ein künstlerisch
bedeutsames Werk
aus dieser oder jener Stilepoche
vor uns, so können
wir es wahrhaft verstehen
nur dadurch, daß wir dem
Wollen und Fühlen derer,
die an ihm Anteil hatten,
in alle die mannigfachen
Einzelheiten nachgehen, die
es eben zusammensetzen.
Rundbogen und Spitzbogen,
gedrückte und schlanke Formen
und dergleichen genügen
dazu nicht.

Nun aber noch mehr!
Liegt ein Werk unserer
Zeit vor uns, so macht es
uns durch die Verwendung
von Spitzbogen den Eindruck
eines gotischen, durch
die Verwendung elliptischer
oder schnörkeliger Formen
den Eindruck eines Werkes
von Barock- oder Rokokostil
. Damit aber gehen wir
noch mehr irre, als wenn
wir das Wesen eines Werkes
aus dereigentlichen Zeit
eines Stiles durch diese oder
jene Kennzeichen erledigt

zu haben glauben. Eine Schöpfung unserer
Zeit kann immer nur eine Schöpfung unserer
Zeit, niemals ein gotisches oder Barockwerk
sein, und betrachten wir es näher, so werden
sich denn auch die Kennzeichnungen unserer
Zeit in dem betreffenden Werke Stück für
Stück erkennen lassen.

Das Kunstgewerbe hat am allermeisten
darunter gelitten, daß man geglaubt hat, es
mit bestimmten Formenzügen, die irgend
einer Stilform entnommen sind, stilvoll zu
machen. Manche glauben, ihrem Hause die
größte Ehre dadurch anzutun, daß sie ihre
Ausstattung nicht aus ihrem eigenen Bedürfnis
, sondern aus dem Bedürfnis einer
Firma heraus schaffen. Erst wenn wir darüber
hinaussind; erst wenn wir in unserem
Kunstgewerbe das leisten, was Stück für
Stück aus unserem Innern kommt, erst
dann werden wir das in ihm haben, was

HANS POELZIG-BRESLAU « DAS RATHAUS IN LOWENBERG : TREPPENHAUS

Dekorative Kunst. X. 6. März 1907.

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