http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_16_1907/0291
Geräte beschränkten Sinn. Tisch und Stuhl
pflegen demnach stileifriger, zeitlicher, „moderner
" zu sein, als etwa Stickereien, selbst
Trinkgefäße u. dergl. Allein auch dort ist
die Abhängigkeit von der Architektur und
hierdurch von der Zeitlichkeit nicht ohne
weiteres und nicht einheitlich vorhanden.
Enthält ja doch die Baukunst selber schon
mehr zeitlose Bestandteile, als es zunächst
scheinen mag. Insbesondere ihre Grundoder
Kernformen bleiben sich in so weitem
Maße gleich und überdauern die Ansprüche
der Zeit so sehr, daß sie oft beträchtlich
hinter den mehr zeitlich stilistischen Formen,
den Dekorationsformen, zurückstehen. Die
verschiedenen Typen von Dächern z. B.
haben wenig mit dem Wandel der Zeiten zu
tun. Dementsprechend halten sich auch in
dem der Architektur nächstverwandten Kunstgewerbe
, in der Möbelkunst, die Kern- oder
Konstruktionsformen dem Baustil ferner, als
es die Dekorationsformen tun; das „Gestell"
ist konservativer als der „Dekor" und spricht
mehr allgemein Technisches und allgemein
Menschliches aus als dieser mit seinen oft
so ephemeren Berichten. Aber selbst abgesehen
davon stehen tektonische Formen,
welche die Architektur wiederholen, gleichzeitig
neben solchen, welche dies nicht tun,
welche nicht architektonisch, sondern sozusagen
technisch, speziell z. B. tischlerisch
gedacht sind. Sie sprechen ebenfalls Menschliches
aus, doch nicht in der Nacherzählung
hinter dem Vorsprechen der Architektur,
sondern direkter, unmittelbarer, origineller.
Allein auch da scheidet sich noch wieder
Zeitliches vom Zeitlosen: neben einem durch
Jahrtausende gleichen Dreifuß steht ein Stuhl
des 16. Jahrhunderts und dergleichen mehr;
neben einem für jede Sitte und Kleidung passenden
Bett, Schrank oder Stuhl steht ein Stück,
das beispielsweise deutlich von der Kleidermode
spricht und dadurch wieder dem „einheitlichen
Formenwillen" der Zeit, d. h. eben
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